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AG 12 Lexikon und Kontext

Koordination: Antje Roßdeutscher

Wegen der thematischen Nähe zu anderen AGs wurde der Schwerpunkt auf lexikalische Einheiten in ihrer Kontextbezogenheit gelegt. Die AG war als Forum des Austauschs und auch der Kontaktaufnahme über aktuelle Arbeiten gemeinsamen Interesses konzipiert worden, was gut eingelöst wurde. Theoretisch anspruchsvolle Arbeiten wurden z.T. sehr gut präsentiert.

Im ersten Programmblock wurden Arbeiten zur Kontextabhängigkeit lokaler Ausdrücke vorgestellt.

Ralf Meyer-Klabunde (Heidelberg), Generating spatial adverbs for spatial description, berichtete über Hypothesenbildung zur Wahl von lokalen Adverbien im Kontext. Die Wahl richtet sich nach pragmatischen Bedingungen wie Hörermodell, Diskursprotokoll und insbesondere nach Beschreibungsstrategien, etwa global, Punkt-zu-Punkt-Beschreibung oder imaginäre Wanderung. Für die Repräsentation der Mechanismen soll u.a. Abduktion eine Rolle spielen.

Deiktische versus intrinsische Orientierung war Gegenstand der Präsentation von Michel Aurnague (Toulouse), Spatial expressions and context: the case of orientation. Die Fragestellung betraf die Eigenschaften von Situationen, die die Wahl intrinsischer Orientierung erlauben, wie deiktische und intrinsische Orientierung festgelegt wird und welche Orientierung gewählt wird, wobei die oben genannten räumlichen Beschreibungstrategien einschlägig waren. Ein Axiomensystem für inferenzfähige Repräsentationen wurde präsentiert.

Robin Hoernig (Berlin) Direct reference in space-analogous mental models, präsentierte eine Fallstudie über Beschreibungsmodelle zur Repräsentation von Lesarten von Audrücken wie links-von unter psycholinguistischer Fragestellung. Dabei wurden Konzepte aus der Kaplanschen Kontexttheorie auf solche in terminis von Mentalen Modellen aufeinander bezogen und Konsequenzen für die Modellierung des Gebrauchs der Ausdrücke aufgezeigt.

Antje Roßdeutscher (Stuttgart), Perspective and propositional attitudes in the semantics of "kommen" (to come), präsentierte einen Beitrag zur lexikalischen Semantik des Verbs u.a. in Hinblick auf deren kontextabhängige Wahl. Als zentrale Leistung des Verbs wurde die sprachliche Markierung einer psychologischen Einstellung de se beschrieben: Eine Person im Kontext nimmt eine Bewegung auf sich zu wahr.

Der rote Faden des zweiten Blockes war Anaphorik.

Klaus von Heusinger (Santa Cruz, California), Indefinite article, context change and anaphora, präsentierte seine Analyse der Leistung des indefiniten Artikels im Rahmen der Dynamischen Semantik, die programmatisch von Auswahlfunktionen Gebrauch macht und eine Alternative zu der in diesem Rahmen üblichen Betrachtungsweise gibt. Der indefinite Artikel liefert, grob gesagt, neue Repräsentanten für die von der NP bestimmten Mengen.

Ebenfalls im Rahmen der Dynamischen Semantik war die Präsentation von Veerle van Geenhoven (Nijmegen), On the discourse transparency of predicative indefinites. Daß inkorporierte Nomen in Nominalkomposita für pronominale Anaphorik nicht zugänglich sind, im Gegensatz zu Vorkommen in verbaler Prädikation (am Westgrönländischen demonstriert), erklärt sie entgegen syntaktischen Vorschlägen semantisch durch unterschiedliche Mechanismen bei der Inkorporation der Nomen in Verben gegenüber denen in Nominalisierungen; Während durch die verbalen Prädikate dann Diskursreferenten eingeführt werden, sind die Diskursreferenten in letzteren durch semantische Operationen unzugänglich geworden.

Von Ereignisanaphorik, ausgelöst durch sogenannte "freie -ing-Adjunkte" (im Englischen) handelte der Bericht von Kjell Johan Saeboe (Oslo), Events and context sensitivity. Die Ausdrücke sind zwar nicht kontextabhängig, wie Präsuppositionsauslöser, aber kontextsensitiv. Es wurde überzeugend nachgewiesen, daß solche Adjunkte in bestimmten Kontexten eine semantische Analyse erfordern, nach denen die Bindung an den finiten Satz (über PRO) nicht über einen Individuendiskursreferenten, z.B. das Subjekt, erfolgt, sondern durch die Identifikation mit dem referentiellen Argument des finiten Verbs, das als Antezedenz für das Ereignis der -ing-Adjunkte fungiert.

Partikeln bildeten den Schwerpunkt des dritten Blocks.

Sheila R. Glasbey (Edinburgh): Event structure, punctuality and "when" stellte eine Hypothese zur temporalen Referenz in Sätzen der Form "When A B" vor. Ob das B-Ereignis dem A-Ereignis folgt, oder es überlappt, hängt nicht (wie Sandström behauptet) von der Punktualität des A-Satzes ab  neben unbestrittenen Bedingungen rhetorischer Relationen -, sondern von einer auf die Argumentstruktur der Verben bezogenen Ereignisstruktur. Entscheidend ist die thematische Struktur des Verbs, einen Wechsel in den Eigenschaften seines einzigen Arguments beschreibend.

Rainer Bäuerle (Stuttgart): The uses of the German particles "als" and "wie": how does context determine content?, präsentierte seine Hypothese zur Vielfalt der Bedeutung der Partikeln in den sehr unterschiedlichen Gebrauchskontexten: Die Partikeln tragen nur abstrakte relationale Bedeutung zwischen Eigenschaften bei; der Charakter der Relation selbst wird vom Kontext beigetragen. Wie dieses Programm für Temporalsätze, Komparativkonstruktionen und Appositionen durchzuführen ist, wurde an formalsemantischen Analysen von Beispielen demonstriert.

Arthur Merin (Stuttgart): From the space of visual intuition to the space of discourse: a diachronic case study in formal cognitive semantics, präsentierte eine diachronische Fallstudie zum Bedeutungswandel vom Lokaladverb butan, (etwa "außerhalb") im Altenglischen zur Konjunktion but im modernen Englischen. Zur Rekonstruktion einer semantischen Strukturgleichheit in den Varianten, die sich in terminis von "Ausnahme", "Unerwartetheit" annähern läßt, wurden epistemische Konzepte wie diese maßtheoretisch expliziert.



Dafydd Gibbon
Thu Jul 10 14:39:59 MET DST 1997