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AG 9 Produktive Prozesse im Lexikon

Koordination: Anke Lüdeling (Tübingen), Jeannette Chur (Tübingen)

Zentrales Ziel der AG war die Behandlung der produktiven Prozesse im Lexikon. Diese Fragestellung wurde sowohl unter theoretischem Aspekt als auch in ihren Auswirkungen auf die Behandlung verschiedener empirischer Phänomene behandelt.

Der erste Tag war dabei mehr theoretischen Aspekten gewidmet. Eröffnet wurde die Arbeitsgruppe durch einen Vortrag von Ted Briscoe aus Cambridge. In seinem Vortrag Lexical Rules and Semi-Productivity erläuterte er das Phänomen der Semi-Produktivität sowie die verschiedenen Möglichkeiten, diese mithilfe von Unifikationsoperatoren zu erfassen. Dabei wurden verschiedene Arten von Unifikation auf ihre Brauchbarkeit für die Behandlung von Produktivität bzw. Semiproduktivität untersucht.

Dunstan Brown aus Surrey folgte mit seinem Vortrag The Placements of Default Facts. Er stellte das bulgarische Flexionssystem vor und zeigte, daß durch die Zusammenfassung dreier Paradigmen zu einer Gruppe ein einfacheres System für die Vererbung von Defaults aufgestellt werden kann, als bei einer separaten Behandlung aller Gruppen.

Harald Baayen aus Nijmegen trug vor How complex simple words can be (eine psycholinguistische Gemeinschaftsarbeit mit Robert Schreuder). Ein Vergleich der Token-Häufigkeiten von Simplex-Nomina im Singular und im Plural zeigte, daß Kumulationseffekte nur von den Singular- zu den Pluralformen auftreten und nicht umgekehrt. Ferner wies er experimentell nach, daß bei Simplizia nicht die Häufigkeit des jeweiligen Nomens bzw. seiner Verbindungen (family frequency), sondern vielmehr die Anzahl der möglichen Verbindungen (familiy size) signifikante Effekte bewirkt.

Laurie Bauer aus Wellington stellte die Frage: Is there a class of neo-classical compunds and if so is it productive? Er stellte die These von van Marle 1985 in Frage, daß nur bei nativen Elementen von Produktivität gesprochen werden könne. Anhand eines dreidimensionalen Modells mit den Achsen Simplex ñ Derivativ ñ Kompositum, Nativ ñ Fremdsprachlich, Grad der Abkürzung situierte er seine Klasse der neoklassischen Komposita (neugebildete Komposita aus rein nicht-nativem Material z.B. geology) und versuchte zu zeigen, daß diese erneut als produktiv anzusehen sind. Dieses Abflauen und wieder Aufflammen von produktiven Mustern sei dabei kein Einzelfall, wie er anhand des Affixes -ment demonstrierte. An diesen Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion zur Differenzierung von Produktivität im Lexikon vs. Kreativität im Lexikon an.

Der zweite und der dritte Tag waren den mehr anwendungsorientierten Vorträgen gewidmet, wobei der dritte Tag sich um die Thematik der komplexen Verben gruppierte.

Den zweiten Tag eröffnete der Vortrag von Marc Light aus Tübingen zu Truth Conditional Semantics for Productive Derivational Affixation: 15 Examples from English. Er behandelte die Affixe: re-, un-, de-, -ize, -en, -ify, -le, -ate, -ee, -er, -ant, -ment, -age, mis-, -able, -ness, -ful, -less. Er versuchte, Generalisierungen statistischer Natur für diese Affixe aufzustellen.

Ingo Plag aus Marburg sprach zu On the productivity of rival morphological processes: the case of English derived verbs. Er untersuchte dabei die miteinander konkurrierenden Affixe -ize, -ify, -ate. Als Ergebnis war festzuhalten: Nicht nur die semantischen Restriktionen hinsichtlich der abdeckbaren Bedeutungsvarianten und Restriktionen auf die Basen, sondern zusätzlich auch noch phonologische Restriktionen sind relevant für das jeweilige Auftreten eines Morphems. Berücksichtigt man alle diese Faktoren, so kann möglicherweise auf den Mechanismus des Type-Blocking generell verzichtet werden.

Sabine Reinhard aus Tübingen behandelte Inheritance Patterns - Desambiguation of German Compounds with Deverbal Head. Ziel war es, Mechanismen zur Desambiguierung der Bedeutung von Komposita (als Beispiel Komposita mit -ung-Nominalisierungen) zu finden, um eine maschinelle Behandlung dieses produktiven Musters zu ermöglichen. Für sieben im Projekt Verbmobil unterschiedenen Verbklassen wurden Regularitäten und Muster aufgestellt, die das Auftreten von Argumenten des Verbs als Kompositionsbestandteil sowie deren (Default-)Interpretation vorhersagen (unter Berücksichtigung der Realisierungsform der anderen Argumente).

Der dritte Tag war dem Themenkomplex der komplexen Verben gewidmet. Eröffnet wurde dieser Bereich durch den Vortrag von Barbara Stiebels aus Düsseldorf zu Productivity constraints in the nominalization of complex verbs. Sie behandelte die Nominalisierungen auf -ung, -(er)ei, Ge_e, -er, nominalisierte Infinitive und nominalisierte VPs. Die komplexen Verben, die als Basis für die Nominalisierungen dienen, umfassen dabei sowohl die Präfix-Verben als auch die Partikelverben. Untersucht wurden strukturelle Aspekte wie z.B. Konsequenzen aus den unterschiedlichen Linkingmöglichkeiten des Verbs und seiner Nominalisierung sowie semantische Aspekte wie z.B. Differenzierung zwischen -ung-Nominalisierungen und nominalisierten Infinitiven.

Susan Olsen aus Leipzig ging in ihrem Vortrag Das Lexikon macht Konkurrenz: Prädikative Argumente syntaktischer und lexikalischer Köpfe ebenfalls auf Partikelverben ein und untersuchte parallele Strukturen in Morphologie und Syntax. Sie wies u.a. nach, daß bei Partikelverben prädikative Komplemente auch im Lexikon eingeführt werden, wie z.B. auch pleonastische Direktionale nahelegen. Die Analyse umfaßte die Verb- Partikel-Konstruktionen im Deutschen und im Englischen, welches sich als ein Problemfall herausstellte.

Bei Anke Lüdeling aus Tübingen waren ebenfalls die Partikelverben Thema des Vortrags mit dem Titel Between Particle Verbs and Resultative Constructions. Sie trat gegen die These an, daß Partikelverben morphologisch gebildet sind, während Resultativkonstruktionen syntaktisch gebildet seien. Sie wies durch verschiedene Tests nach, daß es keine derartige binäre Klassifizierung gibt und vertrat die These, daß auch Partikelverben nicht morphologisch gebildet seien. An dieses Referat schloß sich eine Grundsatzdiskussion zu der Frage an, wie das Verhältnis von Morphologie und Lexikon anzusetzen sei.

Die Arbeitsgruppe schloß mit dem Vortrag von Jeannette Chur aus Tübingen zu Morphologische und semantische Produktivitätbeschränkungen bei Funktionsverbgefügen. Sie zeigte, daß auch bei der Produktivität zwischen den beiden Grundtypen von Funktionsverbgefügen zu unterscheiden sei, eine generelle Markierung für ein Funktionsverb als produktiv also nicht sinnvoll sei. Des weiteren wurde die These vertreten, daß die Produktivität des Funktionsverbs und die Produktivität des nominalen Bestandteils des Funktionsverbgefüges miteinander interagieren und produktive Funktionsverbgefüge-Muster nur mit produktiven nominalen Mustern gebildet werden können.



Dafydd Gibbon
Thu Jul 10 14:39:59 MET DST 1997