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AG 7 Lexikon und Feldforschung

Koordination: Elena Lenk (Bielefeld)

Die Diskussion neuer Standards und Methoden für die Sprachdokumentation ist eine Reaktion auf die in den letzten Jahren verstärkt ins Bewußtsein getretene massive Bedrohung der Mehrzahl der Sprachen der Welt. Die AG sollte hier einen Beitrag für den Bereich des Lexikons leisten.

Schwerpunkte bildeten Berichte aus laufenden Lexikonprojekten sowie die Erörterung von Standards für Organisation, Aufbereitung und Speicherung von Daten. Zentral waren Berichte von Problemfällen für Elizitation und lexikalisch/ semantische Beschreibung in einzelnen Sprachen, die mitsamt ihrer theoretischen Implikationen erörtert wurden und an denen die Notwendigkeit, in der Feldforschung neue Methoden anzuwenden, deutlich wurde.

Die Frage, wie ein Lexikon zugleich verschiedensten Interessen von Linguisten und den Bedürfnissen der Sprachgemeinschaft gerecht werden kann, blieb größtenteils unbeantwortet, wobei sich schmerzlich bemerkbar machte, daß zwei hier einschlägige Vorträge ausfallen mußten.

Silvia Kutscher (Köln) stellte das "Lexikonprojekt 'Lasisch"' vor. Der Dialekt von Ardesen, einer von vier Dialekten dieser südkaukasischen Sprache, wird hinsichlich seiner nominalen und verbalen Morphosyntax an der Universität Köln untersucht, wobei auch ein Lexikon entsteht. Fragen der Erfassung, Speicherung und Präsentation der Daten sowie das Problem der gleichzeitigen Benutzbarkeit durch Sprachgemeinschaft und Linguisten wurden erörtert.

Martina Bruser (Erlangen) berichtete über ein Forschungsprojekt zur Beschreibung des kapverdischen Kreols, in dem auch ein Wörterbuch entsteht. Sie erläuterte die Relevanz der Sprachdokumentation hinsichtlich Kreolisierungshypothesen und aus sprachpolitischen Gründen. Probleme bei der Erstellung des Wörterbuchs betreffen Fragen der Orthographie sowie der Auswahl der beschriebenen Variante. Der vorgestellte Aufbau der Lexikoneinträge war auch Gegenstand der anschließenden Diskussion.

Wolf Lustig (Mainz) demonstrierte sein 'Dreisprachiges elektronisches Wörterbuch Guarani (DEWG)', das als Datenbank angelegt wurde. Er stellte den Aufbau des Datensatzes vor und erläuterte die angestrebte didaktisch-pädagogische Verwendung, die durch die Wahl beliebiger Ubersetzungsrichtungen möglich ist. Als 'Diccionario Interactivo MultilingüeGuarani (Ñe'êndy)' wurde das Wörterbuch für die Abfrage über Internet bereitgestellt.

http://www.uni-mainz.de/~lustig/guarani/dicc/woertlok.htm

Christian Lehmann (Bielefeld) erläuterte den Platz des Lexikons innerhalb einer Sprachdokumentation und Probleme bei der Erstellung eines Eintrags (Idiome, Affixe, Homonymie, Polysemie) sowie der Relationen zwischen Einträgen. In der Datenbank LDS (Language Description System) enthält ein Datensatz des Lexikons folgende Arten von Information: Laut/ Schrift, sem. Repräsentation, Glossen, sem. Klassen, und pragmatische Information, gram. Kategorien, andere Arten gram. Informationen, Relationen. Lehmann erläuterte, mit welchen anderen Komponenten einer Sprachbeschreibung das Lexikon verknüpft sein muß. In der Diskussion ging es um sem. Klassen und das Problem, mit sem. Vagheit umzugehen.

Yong-Min Shin (Bielefeld) stellte im Anschluß seinen Vorschlag einer Grundwortschatzliste für LDS vor. Aus den bekannten Listen wurde ein Rahmenprogramm erstellt, welches den repäsentativen Kern des Lexikons einer Sprache bildet und als Hilfe bei der elementaren Lexikonerstellung einer Sprache in der Feldforschung gedacht ist.

Eva Csato (Köln) beschrieb die situative Variation des Wortschatzes im gesprochenen Karaimischen, einer bedrohten Türksprache aus Litauen und der Ukraine. Die mehrsprachigen Karafmen verwenden viele Entlehnungen aus den jeweiligen dominanten Sprachen, wie Litauisch, Russisch, Polnisch, Ukrainisch sowie im religiösen Bereich Hebräisch. Csato spricht vom "Kopieren" lexikalischer Elemente: Der aktuell verwendete Wortschatz variiert in Abhängigkeit davon, welche der dominanten:Sprachen in der Sprechsituation als effektivstes Medium angesehen wird.Lexikalische Elemente werde in Abhängigkeit von Thematik und Situation kopiert und machen so den karaimischen Wortschatz funktionsfähig.

Gunter Senft (Nijmegen) zeigte in seinem Vortrag, wie die Semantik von Bewegungsverben im Kilivila, einer austronesischen Sprache der Trobriand Insulaner (PapuaNeuguinea), mithilfe einer von der Forschungsgruppe Kognitive Anthropologie entwickelten Methode effektiv elizitiert werden konnte. Die Bewegungsverben unterscheiden sich nach Kriterien wie: bekannter/ unbekannter Ausgangspunkt und/oder Weg und/oder Zielpunkt der Bewegung, Bewegung hin zum oder weg vom Sprecher etc.

Jorgen Broschart (Köln) zeigte am Beispiel des Tonganischen, angeblich ohne Nomen/ Verb-Unterscheidung, wie sich lexikalische Paradigmen unabhängig von der klassischen Terminologie erfassen lassen. Die syntaktisch-syntagmatische Kategorisierungsebene kann weitgehend unabhängig sein von einer lexikalisch-paradigmatischen (wie im tonganischen Sprachtypus), während klassische Wortarten durch eine starke Korrelation zwischen diesen Ebenen gekennzeichnet sind (z.B. Latein).

Christel Stolz (Bielefeld) prüfte in ihrem Vortrag, ob sich der Begriff des "Wortfeldes" als Ausgangspunkt für sprachvergleichende Untersuchungen zu Gruppen von lexikalischen Einheiten eignet. Am Beispiel von Dimensionsausdrücken (z.B. lang, breit, hoch), die in verschiedenen Sprachen unter anderem mit den Methoden von "Space Games" und onomasiologischem Fragebogen untersucht wurden, zeigte sie, daß der Begriff des Wortfeldes für die typologische Forschung eher hinderlich ist, weil er zuviel semantische und formale Gleichheit impliziert.



Dafydd Gibbon
Thu Jul 10 14:39:59 MET DST 1997