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AG 6 Prosodische Beschränkungen der Lexikonerweiterung

Koordination: Martin Neef und Heinz Vater (Köln)

Prosodische Phänomene sind in den letzten 20 Jahren verstärkt in den Mittelpunkt der theoretischen phonologischen Diskussion getreten. Inhaltlich anknüpfend an eine AG im Vorjahr zur Diskussion um constraintbasierte Ansätze in der Phonologie hatte unsere AG zum Ziel, Auswirkungen von prosodischen Beschränkungen auf die Bildungsmöglichkeiten von Wörtern zu beobachten. Hierzu wollten wir einerseits verschiedene theoretische Auffassungen zu Wort kommen, andererseits relevante Daten aus möglichst vielen verschiedenen Sprachen präsentieren lassen.

Im Mittelpunkt der theoretischen Diskussion stand die Auseinandersetzung mit der Optimalitätstheorie (OT). Sylvia Löhken (Berlin) stellte in ihrem Vortrag Die Interaktion prosodischer und morphologischer Bedingungen in der Lautentwicklung des Deutschen Schwatilgungsdaten aus der Lautentwicklung des Deutschen vor, die teilweise zu einer Vergrößerung der Homogenität von Paradigmen führte, teilweise aber auch zu einer Verringerung. In einer OT-Analyse zeigte Löhken, daß die einzelnen Entwicklungsstufen des Deutschen durch Veränderungen des Rankings verschiedener phonologischer und morphologischer Constraints beschrieben werden können.

Clara C. Levelt (in Verbindung mit Niels O. Schiller und Willem J.M. Levelt, Nijmegen) präsentierte in The effect of prosodic constraints on the lexical output of young children: An empirical study on one to three-year old children eine korpusbasierte Untersuchung des Silbenstrukturerwerbs. In einer OT-Analyse wurde ein Default-Ranking mit Markedness-Constraints oberhalb von Faithfulness-Constraints angesetzt. Durch eine sukzessive Veränderung des Rankings der angesetzten Faithfulness-Constraints konnten die Stadien des Silbenstrukturerwerbs im Prinzip nachgezeichnet werden.

Ingo Plag (Marburg) stellte in The phonology of -ize-derivatives auf der Basis eines Korpus von 285 Neologismen des 20. Jahrhunderts eine OT-Analyse vor, die den Zusammenhang von Hiatus, tEpenthese, Stammverkürzung und Haplologie mit Betonungsverhältnissen thematisierte. Den Daten konnte mit Hilfe von 14 größtenteils unabhängig motivierten Constraints entsprochen werden, unter Postulierung eines morphemspezifischen Rankings.

Renate Raffelsiefen (Berlin) untersuchte in Zur Beschreibung phonologischer Beschränkungen in der Affigierung vokalinitiale Suffixe im Englischen mit dem Ergebnis, daß jedes Affix mit einem eigenen Ranking der generell gültigen OT-Constraints assoziiert ist. Die Untersuchung konnte sowohl auf die Unterscheidung verschiedener Ebenen als auch auf die Einbeziehung von prosodischen Subkategorisierungsrahmen verzichten.

Caroline Féry (Tübingen) verglich in Prosodische Strukturen des Französischen die Analysemöglichkeiten der phonologischen Eigenschaften des negierenden Präfixes in- im Französischen im Rahmen der Lexikalischen Phonologie mit denen in der Prosodischen Morphologie. Eine beobachtungsadäquate OT-Analyse wurde vorgestellt, die das Ranking von vier Constraints fokussierte. Die Bedeutung des Jambus im Französischen wurde untermauert.

Richard Wiese (Marburg, in Verbindung mit Chris Golston, Fresno) stellte in Die Struktur der Wurzel im Deutschen ein Projekt vor, das auf der Basis unabhängig erhobener Daten phonologische Eigenschaften von Wurzeln erkunden will. Als Hypothesen wurden acht OT-Constraints formuliert und ausschnittsweise daraufhin überprüft, ob ein statistisch signifikanter Teil der deutschen Wurzeln diesen Constraints entspricht. Ziel des Projekts ist es, eine Skala vorzulegen, die die 'Güte' oder Prototypizität von Wurzeln unterscheidet.

Geert Booij (Amsterdam) präsentierte in Phonological output constraints in morphology ein constraint-basiertes Modell, das ein morphologisches Modul von einem phonologischen unterscheidet. Im Gegensatz zu OT sind hier unverletzbare (morphologische) Constraints vorgesehen. Dieser Ansatz ermöglicht, mit den gleichen Constraints Wortbildungslücken und Allomorphieerscheinungen zu handhaben. Zugleich werden mehrere optimale Kandidaten akzeptiert. Grundsätzlich werden Unterschiede zwischen Flexion und Derivation angenommen, da nur letztere blockiert werden kann.

Martin Neef (Köln) stellte in Konversion in Verben: eine prosodische Analyse ein deklaratives Morphologiemodell ('Wortdesign') vor, das zwischen generellen phonologischen und für morphologische Kategorien spezifischen Constraints unterscheidet. Diese Constraints können als generell nicht verletzbar (und also ungeordnet) angenommen werden, was ihre Lernbarkeit ermöglicht. In diesem Modell wurde gezeigt, wie die spezifische prosodische Struktur des verbalen Infinitivs die Konversion einer Reihe von Wörtern in Verben blockiert, unter der Annahme, daß der Infinitiv im verbalen Paradigma Priorität besitzt.

Stefanie Eschenlohr (Berlin) argumentierte in Denominale Verben im Deutschen: Prosodische und morphologische Beschränkungen im Rahmen eines Wortstrukturmodells für sprachspezifische Markiertheitsprinzipien, wonach z.B. Konversionsverben den kanonischen prosodischen Strukturen strukturell einfacher Verben entsprechen müssen. Dies verhindert vor allem die Konversion von fremden Stämmen mit mindestens zwei betonbaren Silben und Ultimaakzent. Weiterhin werden trennbare Partikelverben als strukturelle Vorbilder für komplexe Verben mit nominalem Erstglied angesehen, was für die eingeschränkten Möglichkeiten der Konversion von Komposita verantwortlich gemacht werden kann.

Robert F. Kemp (Köln) zeigte in Aus der Versuchsküche: Deutsches Wurzelgemüse an Grammatischen Kategorien in der Lautform, daß die Genusklassifikation im Deutschen im wesentlichen auf Feminina vs. Nicht-Feminina beschränkt ist, wobei mit dieser Distinktion eine Reihe von phonologischen Regularitäten korreliert. Genusinformation fördert dabei die Erkennbarkeit von Morphemgrenzen. Mit einer Neudefinition des Merkmals [schwach] konnte die Analyse der Struktur der Nominalflexion deutlich vereinfacht werden.

Hans Altmann (München) untersuchte in Akzentbedingte Beschränkungen in der verbalen Wortbildung bei den sog. Partikelpräfixverben und in den entsprechenden Ableitungen das prosodische Verhalten von miß-Verben, die sowohl mit Stammbetonung als auch mit Präfixbetonung auftreten. Diachron ist ein extremer Schwund derartiger Verben zu beobachten, was zur Isolierung ehemals deverbaler Miß-Nomina führte und mit prosodischen Eigenschaften wie Kontrastbetonung bei Antonymenbildung erklärt werden kann.

Karl Heinz Ramers (Tübingen) untersuchte in Minimale Wörter: Prosodische Beschränkungen graphischer Wortstrukturen, inwieweit eine phonologische Minimalitätsbedingung des binären Fußes auch für graphische Wörter anzusetzen ist. Als Ergebnis zeigte sich, daß graphische Wörter zumindest über drei Schreibmoren verfügen, wobei ein gefüllter Onset im Unterschied zu phonologischen Strukturen als einmorig gewertet wurde.

Ursula Kleinhenz (Berlin) wies in Prosodische Wörter im Sprachvergleich nach, daß die Eigenschaften prosodischer Wörter nicht universeller Natur sind. So müssen hinsichtlich Akzentuierung und Silbifizierung wortbasierte Sprachen wie das Deutsche und phrasenbasierte Sprachen wie das Französische unterschieden werden. Einige Sprachen wie das Althochdeutsche rangieren zwischen diesen Extrempunkten. Die Ergebnisse sind kompatibel mit der Sprachrhythmustypologie von Auer/Uhmann.

Borjana Dimova (Köln, in Verbindung mit Detelina Georgieva, Sofia) diskutierte in Liquida-Metathese im Bulgarischen morphologisch verwandte Wortformen, bei denen eine Metathese von Schwa und Liquida zu beobachten ist. Unter der Annahme, daß das Phonologische Wort die Domäne für diese Metathese ist, konnten drei oberflächentreue phonologisch-prosodische Bedingungen formuliert werden, die die Metathese als Alternation zweier komplementärer Segmentkombinationen analysieren.

Dagmar Jung (Köln) betrachtete in Prosodische Strukturen im Athabaskischen Verb Verben im Jicarilla Apache, die nach traditionellen Analysen bis zu dreißig Positionen für verschiedene Morpheme enthalten. Eine prosodische Analyse zeigt, daß sich diese Anzahl auf wenige prosodische Domänen reduzieren läßt, wobei Kodas nur am rechten Rand einer Domäne auftreten und Vokalepenthese durch die Domänen, die phonologischen Wörtern entsprechen, begrenzt ist.

Knut J. Olawsky (Düsseldorf) stellte in Interaction of tone and morphology in Dagbani eine Analyse des tonalen Systems (zwei Töne unterscheidend) des Dagbani vor, das bei Nomina mit zwei oder drei tontragenden Einheiten 5 von 11 möglichen Mustern extrem favorisiert. Die Vermutung, daß jedes Morphem genau einen Ton tragen muß, erklärt einen beträchtlichen Teil der auftretenden Muster, ist aber unzureichend, da auch mit schwebenden Tönen und tonlosen Morphemen gerechnet werden muß.

Die angekündigten Vorträge von Erika Kaltenbacher (Heidelberg) und WUS Kloeke (Nijmegen) fielen leider krankheitshalber aus. Die AG war mit 20 bis 40 Teilnehmern durchweg gut besucht. Im Anschluß an die einzelnen Beiträge gab es lebhafte und engagierte Diskussionen, für die sich die Koordinatoren herzlich bedanken möchten.



Dafydd Gibbon
Thu Jul 10 14:39:59 MET DST 1997