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- Lautsprache ist die primäre Form der Sprache im Hinblick auf Spracherwerb, sprachkulturelle Entwicklung, Sprachgebrauch.
Schriftsprache ist eine spätere, sekundäre, abgeleitete Form.
- Lautsprache dient der unmittelbaren, flüchtigen Spontankommunikation mit simultaner Produktion, Transmission, Rezeption.
Schriftsprache dient der Herstellung dauerhafter Kommunikationsbeziehungen in der Gesellschaft durch Trennung der Phasen von Produktion, Transmission und Rezeption vermittels eines Speichermediums.
- Lautsprache dient der Aushandlung intimer, emotional gefärbter,
wenig verbindlicher Kommunikation.
Schriftsprache dient der institutionalisierten, mit feststellbaren Konsequenzen verbundenen, verbindlichen Kommunikation.
- Lautsprache verläuft sehr schnell, in den meisten lautlichen Details
unterhalb der bewußten Wahrnehmungsgrenze,
mit wenigen Korrekturen bei kleinen Fehlern.
Für die Schriftsprache sind auch bei kleineren Fehlern
(z.B. der Rechtschreibung) gesellschaftliche Sanktionen vorgesehen sind.
- Lautsprache ist mehrdimensional in der Zeit
(Wort/Satzrelevante Eigenschaften, Intonation, Betonung, paralinguistische Merkmale).
Schriftsprache ist eindimensional ist (mit der Ausnahme von wenigen
gröber strukturierten Merkmalen wie Hervorhebung, räumliches Layout.
- Einheiten der Schrift können zu verschiedenen Einheiten
der Lautsprache in Beziehung stehen: zu Phonemen bzw. Sprachlauten
(alphabetische Schrift),
zu Silben (Silbenschrift),
zu Wörtern (logographische Schrift,
vgl. chinesische Schrift, im Extremfall auch Hieroglyphen).
- Laute und Buchstaben stehen nicht in einer
Eins-zu-Eins-Beziehung zueinander:
vgl. der unterschiedliche Gebrauch von c in
ich, ach, China, Chaos, circa, scheu,
backen, ciao (also mindestens 8 verschiedene Aussprachekontexte),
oder frz. (les) eaux, /o:/, engl. ough (in `through'), /u:/, wo eine Kette von vier Buchstaben einem Laut entspricht.
- die Lautung und die Schreibweise von ganzen Wörtern
stehen demnach ebenfalls nicht in einer Eins-zu-Eins-Beziehung:
(die mißlungnenen) Montage vs. Montage(-anleitung), als
Homographie, oder mein - Main als Homophonie.
Dafydd Gibbon
Sun Nov 19 13:51:33 MET 1995