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Satzsyntax: Einfache Sätze (leicht erweitert)

Die Satzsyntax wird traditionell nur Syntax genannt.

Da heute aber auch folgende Formulierungen oft verwendet werden,

kann die vereinfachte traditionelle Bezeichnung manchmal verwirrend sein.

Der Bezeichnung `Satzsyntax' sollte der Vorzug gegeben werden.

Die Satzsyntax ist Mittel zum Zweck und stellt komplexe und flexible Beziehungen zwischen Formen und Bedeutungen dadurch her, daß

Die Satzyntax reiht sich in die Sprachbeschreibungsebenen zwischen den Wort- und Textebenen ein:

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Linguistische Grammatik und Grammatikhandbücher

Die Grammatik wird aus heutige linguistischer Sicht etwas anders als in traditionellen Grammatikhandbüchern gesehen:

Natürlich haben Grammatiken qua linguistische Theorien auch Anwendungen:

In den folgenden Abschnitten werden einige zentrale Begriffe der linguistischen Grammatik behandelt.

 

Generative Grammatik

Die ``Generative Grammatik'' ist eine von Noam Chomsky entwickelte wissenschaftliche Methode, die die Grammatik als eine grundlegende Fähigkeit der Menschen (`Kompetenz')gif erklärt, die sich nur indirekt im beobachtbaren sprachlichen Verhalten (`Performanz') zeigt.

 

Satzeigenschaften und Kompetenz

In Kompetenztheorien wird als Maßstab für die Kategorisierung von Grammatiken ihre Eignung für die Identifikation von zwei Eigenschaften von Sätzen angelegt:

  1. Grammatikalität:
    Welche der folgenden Wortsequenzen ist grammatikalisch (also von der Grammatik der Sprache beschreibbar), welche nicht?
    Farblose grüne Ideen schlafen hektisch.
    Ideen hektisch farblose schlafen grüne.
    Niedliche kleine Kinder schlafen unruhig.

  2. Mehrdeutigkeit:

Es wird unterschieden zwischen

Wird ein grammatischer, also von einer Grammatik beschriebener (vorhergesehener) Satz von einem Muttersprachler (besser: in empirischen Testreihen von einer Gruppe von Muttersprachlern) als nicht akzeptabel beurteilt, so muß die Grammatik revidiert werden.

Aber aufgepaßt: Nicht jeder Satz muß aus grammatischen Gründen nicht akzeptabel sein:

Welche Sätze sind für Sie akzeptable deutsche Sätze?

  1. Der Tisch flog tief durch den Alpen.

  2. Die Türe öffnete sich langsam.

  3. Ich bin nur wegen dem Wetter ferngeblieben.

  4. Mama schiß und kotzte den ganzen Tag.

  5. Zwitschern wird oft mit Vögeln in Verbindung gebracht.

Aus welchen Gründen sind die nichtakzeptablen Sätze nicht akzeptabel?

Einzelurteile sind allerdings, vor allem bei Randproblemen, nicht zuverlässig, wie Vergleiche Ihrer Ergebnisse mit den Ergebnissen anderer zeigen können.

 

Grammatik = Satzsyntax + Flexion + Intonation

Grammatik: Satzsyntax + Flexion + Intonation

Beispiel: Guildo hat Euch lieb.

 

Satzsyntax und Wortfolge

Die Satzsyntax definiert Grundsätze für die Anordnung von Wörtern, und hat folgende Hauptbereiche:

Grammatikhandbücher behandeln traditionell auch Fragen des Lexikons:

 

Gegenstände der Satzsyntax: vom Wort zum Satz

Der Gegenstand der Satzsyntax ist der Satz und seine Bestandteile.

 

Satzdefinitionen

Es gibt sehr viele traditionelle Definitionen des Satzes.

Entsprechend den Hauptbestandteilen eines Zeichens, können diese Definitionen in der Regeln in vier Arten eingeteilt werden:

 

Grundkategorie der Satzsyntax: Das Wort

Das Wort wurde bereits mit einer strukturellen Teildefinition versehen:

Sowie Flexions- und Wortbildungsregeln den Aufbau von Wörtern aus Morphemen bestimmen, so bestimmen satzsyntaktische Regeln den Aufbau von Sätzen aus Wörtern.

 

Die neun wichtigsten Wortarten bzw. Wortkategorien

Die Wortarten werden durch die satzsyntaktischen paradigmatischen Relationen (Ähnlichkeitsrelationen) bestimmt.

Die Ähnlichkeiten beruhen auf:

  1. Distribution (Vorkommen an denselben Positionen im Satz),

  2. Konstituenz (interne Struktur der Wörter).

Lexikalische Wortarten:

  1. Nomen (Substantiv): Lampe, Stein, Guildo;

  2. Adjektiv: blau, glücklich, elfenbeinfarben

  3. Verb: haben, heben, steuern, glucksen;

  4. Adverb: schnell, gestern, sehr;

Grammatische Wortarten:

  1. Pronomen: er, du, dies, alle;

  2. Artikel: der, die, das, ein, eine;

  3. Präposition: in, auf, unter, gegenüber, entgegen;

  4. Konjuktion: wenn, und, aber;

  5. Interjektion: Aha!, Ey booah!, Aua!, Schrecklich!, Scheibenkleister!

 

Das Wort als Schnittstelle zwischen Grammatik und Lexikon

Die Grammatik hängt in verschiedenen Hinsichten stark vom Lexikon ab.

Beispielsweise:

  1. Jedes Wort hat eine bestimmte Eigenart, Idiosynkrasien, die sein grammatisches Verhalten bedingen (z.B. Wortart, ob ein Verb intransitiv, transitiv, ditransitiv usw. ist).

  2. In bestimmten Eigenschaften müssen alle Wörter im Satz miteinander übereinstimmen, indem diese Eigenschaften auf Satzsyntagmen projiziert werden.

 

Lexikalische Idiosynkrasien

 

Lexikalische Projektion

Einige lexikalische Eigenschaften von Wörtern werden unter bestimmten Bedingungen auf größere Einheiten, in denen das Wort vorkommt, projiziert.

Beispiel:

  1. Wenn ein Substantiv im Plural vorkommt, so gilt die Nominalgruppe, deren Kopf es ist, auch als Plural.

  2. Wenn eine Nominalgruppe im Plural vorkommt, dann gilt der Satz, dessen Subjekt sie ist, auch als Plural.

  3. Wenn ein Verb im Plural vorkommt, dann gilt die Verbalgruppe, dessen Kopf es ist, auch als Plural.

  4. Wenn eine Verbalgruppe im Plural vorkommt, dann gilt der Satz, dessen Prädikat sie ist, auch als Plural.

Bedingungen dieser Art müssen harmonieren, damit die Kongruenz der Flexion im Satz stimmt.
Gleiches gilt für die Kongruenz zwischen Artikel, Adjektiv und Substantiv innerhalb von Nominalgruppen.

Solche Merkmale werden Kopfmerkmale, `head features', genannt.

 

Syntagmatische Relationen im Satz

Sätze sind durch vielfältige syntagmatische Relationen charakterisiert:

 

Die Konstruktion von Sätzen: Regeln

Grammatische Regeln stellen wissenschaftlich begründete Verallgemeinerungen dar.

Sie können sich darin stark von intuitiven Spontanurteilen von Muttersprachlern (müssen aber nicht).

Das heißt unter anderem:

 

Abstraktionen, Generalisierungen und Regeln

 

Beispiel: Abstraktion und Generalisierung

Einige Abstraktionen, die paradigmatische Relationen bestimmen, und die Generalisierungen über Satzteile können graphisch dargestellt werden:

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Die Regeln, die die Generalisierungen ausdrücken, können als Phrasenstrukturregeln in einer Phrasenstrukturgrammatik ausgedrückt werden:

  1. S tex2html_wrap_inline4176 NP VP PUNKT

  2. NP tex2html_wrap_inline4176 N

  3. VP tex2html_wrap_inline4176 V NP Vpart

  4. NP tex2html_wrap_inline4176 PN

  5. N tex2html_wrap_inline4176 Guildo

  6. PN tex2html_wrap_inline4176 Euch

  7. V tex2html_wrap_inline4176 hat

  8. Vpart tex2html_wrap_inline4176 lieb

  9. PUNKT tex2html_wrap_inline4176 .

Frage:

Welche anderen Regeln sind benötigt, um folgenden Satz zu beschreiben:
Mutti Lotti backt gern Nußecken mit Aprikosenmarmelade für Guildo.

Welche von diesen Regeln sind rekursiv?

 

Produktivität: Rekursive Regeln

Rekursive Regeln: Diese Art von Generalisierung basiert auf einer induktiven Definition und erlaubt die Definition einer unendlichen Menge von Sätzen.

Dadurch kann die Produktivität der sprachlichen Kompetenz formal beschrieben werden.
Beispiel:

  1. `Jack screams' ist ein Satz,
    `Jill shouts' ist ein Satz.

  2. Ein Satz verkettet mit `and', verkettet mit einem weiteren Satz ist ein Satz.
    Konsequenz: auch dieser Satz kann nochmal mit `and' sowie bereits definierten Sätzen verkettet werden, usw.

  3. Sonst ist nichts ein Satz.

Die Aufgabe der Grammatik, die aus diesen Regeln besteht, ist es,

  1. alle Sätze einer Sprache (die ersten beiden Bedingungen), und

  2. nur diese Sätze (die letzte Bedingung)

zu beschreiben.

 

Theorie, Hypothese, Falsifikation

Die Regeln definieren eine formale Grammatik, die als Theorie der Kompetenz beschrieben werden kann, die der sprachlichen Wirklichkeit zugrundeliegt.

Die mit Regeln abgeleiteten Sätze können als Hypothesen über die Kompetenz behandelt werden, die Äußerungen in der sprachlichen Wirklichkeit der Performanz zugrundeliegt: `Jack screams.' ist ein Satz.
`Jill shouts.' ist ein Satz.
`Jack screams and Jack screams.' ist ein Satz.
`Jack screams and Jill shouts.' ist ein Satz.
`Jill shouts and Jill shouts.' ist ein Satz.
`Jill shouts and Jack screams.' ist ein Satz.
...

Es stellt sich schnell heraus, daß die dritte Bedingung, die Ausschlußbedingung, in diesem Fall schnell falsifiziert werden kann.

Folgende Äußerungen könnten in der Wirklichkeit als grammatische Sätze identifiziert werden:

`Jack shouts.' ist ein Satz.
`Jack screams but Jill shouts.' ist ein Satz.

Damit ist die dritte Hypothese falsifiziert.

Daraus, daß eine abgeleitete Hypothese falsifiziert wurde, ergibt sich aber, daß auch die Theorie falsifiziert wurde.

Folglich muß die Theorie revidiert werden, um die neuen `Entdeckungen' zu erfassen.

Frage:

Wie müssen diese Revisionen aussehen?

 

Hierarchie und Linearisierung

Die beiden Hauptarten von syntagmatischen Relationen, die Hierarchiebildung und die Linearisierung, definieren die syntagmatischen Relationen, die Satzteilen gelten.

 

Drei satzsyntaktische Regeltypen

Eine Grammatik besteht aus verschiedenen Regeln, die unterschiedliche syntagmatische (und paradigmatische) Relationen definieren.

Konstruktionsregeln:

  1. Hierarchische Konstruktionsregeln, z.B. Konstituentenstrukturregeln definieren einfache Sätze:

    1. Guildos Mutti Lotti hat die Nußecken gebacken.

    Diese werden erweitert durch Rekursive Regeln, die die Bildung unendlicher Mengen von Sätzen ermöglichen:

    1. Guildos Mutti Lotti hat die Nußecken gebacken und Guildo hat sie aufgegessen und sein Publikum hat überglücklich Kerzen hochgehalten und ...

  2. Lexikalische Beschränkungsregeln (oder einfach: lexikalische Regeln) definieren die syntagmatischen Relationen, die Verben mit anderen Wortarten eingehen können, und beeinflussen dadurch indirekt die Wortfolge:

    1. Guildo öffnete die Tür mit einem Silberschlüssel.

    2. Guildo öffnete die Tür.

    3. ?Guildo öffnete mit einem Silberschlüssel.

    4. *Die Tür öffnete mit einem Silberschlüssel.

    5. Die Tür öffnete sich mit einem Silberschlüssel.

    6. Die Tür ließ sich mit einem Silberschlüssel öffnen.

    7. *Die Tür öffnete.

    8. Die Tür öffnete sich.

    9. Die Tür ließ sich öffnen.

    10. Der Silberschlüssel öffnete die Tür.

    Solche lexikalischen Beschränkungsregeln werden oft `Subkategorisierungsregeln' oder `Selektionsregeln' genannt.

    Eine wichtige lexikalische Regel ist die Passivregel, die nur für transitive Verben gilt, und nicht für nur scheinbar transitive Verben:

    Morphologische Regeln werden oft auch als lexikalische Beschränkungsregeln oder schlicht als lexikalische Regeln bezeichnet.

Linearisierungsregeln:

Die Linearisierungsregeln definieren verschiedene mögliche Wortfolgen, die wiederum zusätzlich von Fokussierungs- und Betonungsverhältnissen abhängen:

  1. Guildos Mutti Lotti hat die Nußecken gebacken.

  2. Die Nußecken hat Guildos Mutti Lotti gebacken.

  3. Die Nußecken gebacken hat Guildos Mutti Lotti.

  4. Gebacken hat die Nußecken Guildos Mutti Lotti.

  5. Gebacken hat Guildos Mutti Lotti die Nußecken.

  6. Die Nußecken sind von Guildos Mutti Lotti gebacken worden.

  7. Von Guildos Mutti Lotti sind die Nußecken gebacken worden.

  8. Gebacken worden sind die Nußecken von Guildos Mutti Lotti.

 

Poetische Syntax, syntaktische Poesie

der kleine junge sprang auf das rad
auf das rad sprang der kleine junge
sprang der kleine junge auf das rad

sprang auf das rad der kleine junge
auf das rad der kleine junge sprang
der kleine junge auf das rad sprang

der junge kleine auf das rad sprang

kleine der junge auf das rad sprang
kleine junge der auf das rad sprang
kleine junge auf der das rad sprang
kleine junge auf das Rad der sprang
kleine junge auf das rad sprang der

der das auf rad junge kleine sprang

auf der das kleine junge rad sprang

(Sie werden gleich bemerkt haben, daß es sich wieder um ein Sonnett handelt.)


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© Dafydd Gibbon Thu Jun 25 08:00:45 MET DST 1998