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Die Satzsyntax wird traditionell nur Syntax genannt.
Da heute aber auch folgende Formulierungen oft verwendet werden,
- Wortsyntax (Morphotaktik),
- Textsyntax (Aufbauprinzipien und -regeln für Texte),
kann die vereinfachte traditionelle Bezeichnung manchmal verwirrend sein.
Der Bezeichnung `Satzsyntax' sollte der Vorzug gegeben werden.
Die Satzsyntax ist Mittel zum Zweck und stellt komplexe und flexible
Beziehungen zwischen Formen und Bedeutungen dadurch
her, daß
- beliebig viele neue Sätze gebildet werden können, um neuen Situationen gerecht zu werden,
- die Bedeutung (und Aussprache) Sätzen, wie bei anderen komplexen Zeichen, aus den Bedeutungen (und Aussprachen) der Einzelteile erschlossen werden können.
Die Satzyntax reiht sich in die Sprachbeschreibungsebenen zwischen den
Wort- und Textebenen ein:
Die Grammatik wird aus heutige linguistischer Sicht etwas anders als
in traditionellen Grammatikhandbüchern gesehen:
- Grammatikhandbücher sind präskriptiv: Sie sind Bedienungsanleitungen für die Verwendung einer Sprache durch Muttersprachler oder Fremdsprachler. Sie enthalten diesbezügliche Vorschriften über den Sollzustand einer Sprache.
- Für den Linguisten ist eine Grammatik deskriptiv: Sie ist eine wissenschaftliche Theorie, die die Sprache darstellt, beschreibt und erklärt, und Vorhersagen über ihre Verwendung ermöglicht. Sie charakterisiert den Ist-Zustand einer Sprache.
Natürlich haben Grammatiken qua linguistische Theorien auch Anwendungen:
- Sie liefern Informationen für Grammatikhandbücher.
- Sie liefern Informationen für technische Anwendungen in der Textverarbeitung, z.B. automatische Rechtschreibkorrektur, Grammatikkorrekt, Wortschatzhilfsprogramme, Übersetzungshilfen.
In den folgenden Abschnitten werden einige zentrale Begriffe
der linguistischen Grammatik behandelt.
Die ``Generative Grammatik'' ist eine von Noam Chomsky entwickelte
wissenschaftliche Methode,
die die Grammatik als eine grundlegende Fähigkeit der Menschen
(`Kompetenz')
erklärt,
die sich nur indirekt im beobachtbaren sprachlichen Verhalten
(`Performanz') zeigt.
- Produktivität: Die sprachliche Kompetenz von Muttersprachlern erlaubt es, beliebig viele Sätze (übrigens auch Wörter) bilden.
- Kreativität: Die Produktivität wird oft auch ``Kreativität'' genannt; viele Linguisten ziehen es aber vor, ``Kreativität'' für Metaphernbildung usw. zu reservieren.
- Kompetenz: Die Grammatik befaßt sich nicht mit Details der Performanz, sondern abstrahiert die wesentlichen strukturellen Regelmäßigkeiten daraus, die Produktivität ermöglichen.
- Die Kompetenz wird auf eine angeborene Sprachfähigkeit (nicht `angeborene Sprache') zurückgeführt.
- Modularität, Autonomie: Die Sprachfähigkeit wird als eine menschliche Fähigkeit sui generis angesehen,
- die nicht auf andere kognitiven Fähigkeiten zurückführbar ist,
- die Menschen von den Tieren unterscheidet.
In Kompetenztheorien wird als Maßstab für die Kategorisierung von
Grammatiken ihre Eignung für die Identifikation von zwei Eigenschaften
von Sätzen angelegt:
- Grammatikalität:
Welche der folgenden Wortsequenzen ist grammatikalisch (also von der Grammatik der Sprache beschreibbar), welche nicht?
Farblose grüne Ideen schlafen hektisch.
Ideen hektisch farblose schlafen grüne.
Niedliche kleine Kinder schlafen unruhig.
- Mehrdeutigkeit:
- Alte Männer und Frauen verlassen das Schiff zuerst.
(`alte Männer und alle Frauen', oder `alte Männer und alte Frauen'?)
Es wird unterschieden zwischen
- Akzeptabilität nach dem empirischen Urteil eines Muttersprachlers, und
- Grammatikalität (Wohlgeformtheit) bezüglich einer Grammatik (also einer Theorie) der Sprache.
Wird ein grammatischer, also von einer Grammatik beschriebener
(vorhergesehener) Satz von einem Muttersprachler
(besser: in empirischen Testreihen von einer Gruppe von Muttersprachlern)
als nicht akzeptabel beurteilt, so muß die Grammatik revidiert werden.
Aber aufgepaßt: Nicht jeder Satz muß aus grammatischen Gründen nicht
akzeptabel sein:
Welche Sätze sind für Sie akzeptable deutsche Sätze?
- Der Tisch flog tief durch den Alpen.
- Die Türe öffnete sich langsam.
- Ich bin nur wegen dem Wetter ferngeblieben.
- Mama schiß und kotzte den ganzen Tag.
- Zwitschern wird oft mit Vögeln in Verbindung gebracht.
Aus welchen Gründen sind die nichtakzeptablen Sätze nicht akzeptabel?
Einzelurteile sind allerdings, vor allem bei Randproblemen, nicht zuverlässig, wie Vergleiche Ihrer Ergebnisse mit den Ergebnissen anderer zeigen können.
Grammatik: Satzsyntax + Flexion + Intonation
Beispiel: Guildo hat Euch lieb.
- Satzsyntax:
Repräsentation als `annotierte Klammerung':
(
(
(
Guildo))(
(
hat)(
(
Euch))(
lieb))(
.))
Repräsentation als `Baumgraphik' (`Phrasenstrukturbaum'):
- Flexion:
Repräsentation als `Attribut-Wert-Struktur':
- Satzprosodie:
Die Interpunktion ist in vielen Hinsichten das schriftsprachliche Pendant zur Intonation in der gesprochenen Sprache.
Die Satzsyntax definiert Grundsätze für die Anordnung von Wörtern,
und hat folgende Hauptbereiche:
- Hierarchische Satzsyntax: Komposition von Satzsyntagmen aus Satzteilen (Wörtern und kleineren Satzsyntagmen), mit Unterscheidung von:
- Kategorien (Wort-, Syntagmenmengen), wie Nomen, Nominalphrase, Verb, Verbalphrase, die durch satzsyntaktische paradigmatische Relationen aufgrund satzszntaktischer Ähnlichkeiten definiert sind;
- Funktionen, wie Subjekt, Objekt, Indirektes Objekt usw., die durch satzszntaktische syntagmatische Relationen zwischen Teilen und Ganzen definiert sind.
- Lineare Satzsyntax: Anordnung der Satzteile in der Zeit (gesprochen) und im Raum (geschrieben), und
- Zuordnung der Satzprosodie, d.h. Sprachmelodie (Intonation), Betonung und Emphase (Akzentuierung), zu Satzsyntagmen, einschließlich Wörtern (und unter bestimmten Bedingungen auch deren Bestandteilen).
- Bestimmungen von Bedeutungsanteilen, die durch die Wortfolge ausgedrückt werden:
- Eine Fragebildungsstrategie (neben W-Wortnutzung, Intonation):
Hat Guildo Euch lieb?
- Eine Hervorhebungsstrategie (neben Akzentuierung, Partikelverwendung):
Euch hat Guildo lieb.
- Rollenfestlegung (nur im situativen und satzprosodischen Kontext):
Die Tochter liebt die Mutter.
Grammatikhandbücher behandeln traditionell auch Fragen des Lexikons:
- Satzebene:
- Phraseologie (Lexikon fester Satzsyntagmen),
- Interpunktion (Inventar von Grenzmarkierungen für Satzyntagmen);
- Wortebene (``Wörterbuch''):
- Worteinträge (Lexikon fester morphologischer Einheiten),
- Orthographie, Phonologie (Oberflächeneigenschaften von Wörtern),
- Wortbildung (Wortsyntax zur Erweiterung des Lexikons).
Der Gegenstand der Satzsyntax ist der Satz und seine Bestandteile.
Es gibt sehr viele traditionelle Definitionen des Satzes.
Entsprechend den Hauptbestandteilen eines Zeichens,
können diese Definitionen in der Regeln in vier Arten eingeteilt
werden:
- Der Satz ist Ausdruck eines vollständigen Gedanken,
Ausdruck einer Proposition;
- Der Satz ist eine Äußerungseinheit mit einer eigenen Sprachmelodie,
eine Texteinheit der mit einem Großbuchstaben anfängt und einem Punkt endet;
- Der Satz ist die Grundeinheit eines Textes, eines Diskurses, eines Arguments;
- Der Satz ist eine Kette von Wörtern, die durch eine Grammatik beschreibbar ist.
Das Wort wurde bereits mit einer strukturellen Teildefinition
versehen:
- kleinste Einheit der Satzsyntax (kleinstes, einelementiges Satzsyntagma),
- größte Einheit der Morphologie.
Sowie Flexions- und Wortbildungsregeln den Aufbau von Wörtern
aus Morphemen bestimmen,
so bestimmen satzsyntaktische Regeln
den Aufbau von Sätzen aus Wörtern.
Die Wortarten werden durch die satzsyntaktischen paradigmatischen Relationen
(Ähnlichkeitsrelationen) bestimmt.
Die Ähnlichkeiten beruhen auf:
- Distribution (Vorkommen an denselben Positionen im Satz),
- Konstituenz (interne Struktur der Wörter).
Lexikalische Wortarten:
- Nomen (Substantiv): Lampe, Stein, Guildo;
- Adjektiv: blau, glücklich, elfenbeinfarben
- Verb: haben, heben, steuern, glucksen;
- Adverb: schnell, gestern, sehr;
Grammatische Wortarten:
- Pronomen: er, du, dies, alle;
- Artikel: der, die, das, ein, eine;
- Präposition: in, auf, unter, gegenüber, entgegen;
- Konjuktion: wenn, und, aber;
- Interjektion: Aha!, Ey booah!, Aua!, Schrecklich!, Scheibenkleister!
Die Grammatik hängt in verschiedenen Hinsichten stark vom Lexikon ab.
Beispielsweise:
- Jedes Wort hat eine bestimmte Eigenart, Idiosynkrasien, die sein grammatisches Verhalten bedingen (z.B. Wortart, ob ein Verb intransitiv, transitiv, ditransitiv usw. ist).
- In bestimmten Eigenschaften müssen alle Wörter im Satz miteinander übereinstimmen, indem diese Eigenschaften auf Satzsyntagmen projiziert werden.
- Wortbildung geschieht über eine Wortgrammatik, Morphotaktik;
- Das Lexikon enthält `belegte' Wörter, solche, deren Stämme bekannt sind;
- Das Lexikon enthält primär idiosynkratische (distinktive, charakterist
ische) Eigenschaften von Wörtern;
- Ein modernes linguistisches Lexikon formuliert auch alle Stufen generalisierbarer lexikalischer Informationen.
- Wenn Worteigenschaften nicht idiosynkratisch sind, können sie bis zu einem gewissen Grad als paradigmatische Relationen generalisiert werden.
Einige lexikalische Eigenschaften von Wörtern werden
unter bestimmten Bedingungen auf größere Einheiten,
in denen das Wort vorkommt, projiziert.
Beispiel:
- Wenn ein Substantiv im Plural vorkommt, so gilt die Nominalgruppe,
deren Kopf es ist, auch als Plural.
- Wenn eine Nominalgruppe im Plural vorkommt, dann gilt der Satz, dessen Subjekt sie ist, auch als Plural.
- Wenn ein Verb im Plural vorkommt, dann gilt die Verbalgruppe, dessen Kopf es ist, auch als Plural.
- Wenn eine Verbalgruppe im Plural vorkommt, dann gilt der Satz, dessen Prädikat sie ist, auch als Plural.
Bedingungen dieser Art müssen harmonieren, damit die Kongruenz
der Flexion im Satz stimmt.
Gleiches gilt für die Kongruenz zwischen Artikel, Adjektiv und Substantiv
innerhalb von Nominalgruppen.
Solche Merkmale werden Kopfmerkmale, `head features', genannt.
Sätze sind durch vielfältige syntagmatische Relationen charakterisiert:
- Konstituenz (constituency): die hierarchische Struktur von Sätzen, die die Satzfunktionen wie Subjekt, Objekt usw. bestimmt.
- Kongruenz (concord, congruence, agreement): die Übereinstimmung von Kopfmerkmalen.
- Dependenz (Rektion; government): die Abhängigkeit des Vorkommens von bestimmten Wortarten von lexikalischen Eigenschaften von Wörtern.
- Bindung (Anaphora): der Bezug zwischen Pronomina und den Wörtern, auf die sie sich beziehen.
- Zeitenfolge: die Abhängigkeit von Tempusformen in Nebensätzen von der Tempusform im Hauptsatz.
- Lineare Wortfolge: die Anordnung von Wörtern u.a. zu Hervorhebungszwecken.
Grammatische Regeln stellen wissenschaftlich begründete Verallgemeinerungen
dar.
Sie können sich darin stark von intuitiven Spontanurteilen von
Muttersprachlern (müssen aber nicht).
Das heißt unter anderem:
- Intuitive Spontanurteile von Muttersprachlern müssen cum grano salis behandelt werden, z.B. mit statistischen Untersuchungsmethoden.
- Grammatikregeln können sehr detaillierte sprachliche Sachverhalte erfassen, die Muttersprachlern nicht bewußt sind.
- Regeln: Gesetzmäßigkeiten, begründete Generalisierungen bzw. Verallgemeinerungen
(... NICHT Vorschriften, im Gegensatz etwa zu Schulgrammatiken).
- Zur Terminologie:
- Eine Abstraktion definiert genau die Eigenschaften, die eine Menge interessierender Elemente (Objekte, Einheiten, ...) bestimmen.
- Eine begründete Generalisierung
- sagt etwas über einen Zusammenhang zwischen zwei Abstraktionen (also letzlich zwischen den Elementen verschiedener Mengen) aus,
- für den empirische Gründe (Gründe aus der Erfahrung, aus der Beobachtung) angegeben können.
- Beispiel: Alle Satze enthalten ein Verb.
- Prädikatenlogische Formulierung:
Für alle x, wenn x ein Satz ist, so enthält x ein Verb.
.
- `ENTHAELT' ist eine sehr allgemeine syntagmatische Relation.
- Detaillierteres Beispiel:
- Abstraktionen:
`Jack screams' ist ein Satz
`Jill shouts' ist ein Satz
`Jack', `Jill' sind Nomen,
`screams', `shouts' sind Verben,
- Generalisierung:
Ein Nomen verkettet mit einem Verb ist ein Satz (stark vereinfachend).
Logisch ausgedrückt:
Für alle x und alle y, wenn x ein Nomen ist und y ein Satz ist, dann gibt es einen Satz bestehend aus x verkettet mit y
Prädikatenlogisch:
.
- Formale Regel (Phrasenstrukturregel, `kontextfreie Regel'):
S
N
V
(oder: S
N V)
Einige Abstraktionen, die paradigmatische Relationen bestimmen,
und die Generalisierungen über Satzteile können graphisch
dargestellt werden:
Die Regeln, die die Generalisierungen ausdrücken, können als
Phrasenstrukturregeln in einer Phrasenstrukturgrammatik
ausgedrückt werden:
- S
NP VP PUNKT
- NP
N
- VP
V NP Vpart
- NP
PN
- N
Guildo
- PN
Euch
- V
hat
- Vpart
lieb
- PUNKT
.
Frage:
Welche anderen Regeln sind benötigt, um folgenden Satz zu beschreiben:
Mutti Lotti backt gern Nußecken mit Aprikosenmarmelade für Guildo.
Welche von diesen Regeln sind rekursiv?
Rekursive Regeln: Diese Art von Generalisierung basiert auf einer induktiven Definition und erlaubt die Definition einer unendlichen Menge von Sätzen.
Dadurch kann die Produktivität der sprachlichen Kompetenz formal beschrieben werden.
Beispiel:
- `Jack screams' ist ein Satz,
`Jill shouts' ist ein Satz.
- Ein Satz verkettet mit `and', verkettet mit einem weiteren Satz ist ein Satz.
Konsequenz: auch dieser Satz kann nochmal mit `and' sowie bereits definierten Sätzen verkettet werden, usw.
- Sonst ist nichts ein Satz.
Die Aufgabe der Grammatik, die aus diesen Regeln besteht, ist es,
- alle Sätze einer Sprache (die ersten beiden Bedingungen), und
- nur diese Sätze (die letzte Bedingung)
zu beschreiben.
Die Regeln definieren eine formale Grammatik, die als Theorie
der Kompetenz beschrieben werden kann, die der sprachlichen Wirklichkeit zugrundeliegt.
Die mit Regeln abgeleiteten Sätze können als Hypothesen über die Kompetenz behandelt werden, die Äußerungen in der sprachlichen Wirklichkeit der Performanz zugrundeliegt:
`Jack screams.' ist ein Satz.
`Jill shouts.' ist ein Satz.
`Jack screams and Jack screams.' ist ein Satz.
`Jack screams and Jill shouts.' ist ein Satz.
`Jill shouts and Jill shouts.' ist ein Satz.
`Jill shouts and Jack screams.' ist ein Satz.
...
Es stellt sich schnell heraus, daß die dritte Bedingung,
die Ausschlußbedingung,
in diesem Fall schnell falsifiziert werden kann.
Folgende Äußerungen könnten in der Wirklichkeit als grammatische Sätze
identifiziert werden:
`Jack shouts.' ist ein Satz.
`Jack screams but Jill shouts.' ist ein Satz.
Damit ist die dritte Hypothese falsifiziert.
Daraus, daß eine abgeleitete Hypothese falsifiziert wurde,
ergibt sich aber, daß auch die Theorie falsifiziert wurde.
Folglich muß die Theorie revidiert werden, um die neuen `Entdeckungen'
zu erfassen.
Frage:
Wie müssen diese Revisionen aussehen?
Die beiden Hauptarten von syntagmatischen Relationen,
die Hierarchiebildung und die Linearisierung,
definieren die syntagmatischen Relationen,
die Satzteilen gelten.
Eine Grammatik besteht aus verschiedenen Regeln, die unterschiedliche
syntagmatische (und paradigmatische) Relationen definieren.
Konstruktionsregeln:
- Hierarchische Konstruktionsregeln, z.B. Konstituentenstrukturregeln definieren einfache Sätze:
- Guildos Mutti Lotti hat die Nußecken gebacken.
Diese werden erweitert durch Rekursive Regeln, die die Bildung unendlicher Mengen von Sätzen ermöglichen:
- Guildos Mutti Lotti hat die Nußecken gebacken und Guildo hat sie aufgegessen und sein Publikum hat überglücklich Kerzen hochgehalten und ...
- Lexikalische Beschränkungsregeln (oder einfach: lexikalische Regeln) definieren die syntagmatischen Relationen, die Verben mit anderen Wortarten eingehen können, und beeinflussen dadurch indirekt die Wortfolge:
- Guildo öffnete die Tür mit einem Silberschlüssel.
- Guildo öffnete die Tür.
- ?Guildo öffnete mit einem Silberschlüssel.
- *Die Tür öffnete mit einem Silberschlüssel.
- Die Tür öffnete sich mit einem Silberschlüssel.
- Die Tür ließ sich mit einem Silberschlüssel öffnen.
- *Die Tür öffnete.
- Die Tür öffnete sich.
- Die Tür ließ sich öffnen.
- Der Silberschlüssel öffnete die Tür.
Solche lexikalischen Beschränkungsregeln werden oft `Subkategorisierungsregeln' oder `Selektionsregeln' genannt.
Eine wichtige lexikalische Regel ist die Passivregel, die nur für
transitive Verben gilt, und nicht für nur scheinbar transitive Verben:
- Hans holte 4 Pfund Zucker. 4 Pfund Zucker wurde von Hans geholt.
- Hans hatte 39 Grad Fieber. 39 Grad Fieber wurden von Hans gehabt.
Morphologische Regeln werden oft auch als lexikalische Beschränkungsregeln
oder schlicht als lexikalische Regeln bezeichnet.
Linearisierungsregeln:
Die Linearisierungsregeln definieren verschiedene mögliche Wortfolgen, die wiederum zusätzlich von Fokussierungs- und Betonungsverhältnissen abhängen:
- Guildos Mutti Lotti hat die Nußecken gebacken.
- Die Nußecken hat Guildos Mutti Lotti gebacken.
- Die Nußecken gebacken hat Guildos Mutti Lotti.
- Gebacken hat die Nußecken Guildos Mutti Lotti.
- Gebacken hat Guildos Mutti Lotti die Nußecken.
- Die Nußecken sind von Guildos Mutti Lotti gebacken worden.
- Von Guildos Mutti Lotti sind die Nußecken gebacken worden.
- Gebacken worden sind die Nußecken von Guildos Mutti Lotti.
der kleine junge sprang auf das rad
auf das rad sprang der kleine junge
sprang der kleine junge auf das rad
sprang auf das rad der kleine junge
auf das rad der kleine junge sprang
der kleine junge auf das rad sprang
der junge kleine auf das rad sprang
kleine der junge auf das rad sprang
kleine junge der auf das rad sprang
kleine junge auf der das rad sprang
kleine junge auf das Rad der sprang
kleine junge auf das rad sprang der
der das auf rad junge kleine sprang
auf der das kleine junge rad sprang
(Sie werden gleich bemerkt haben, daß es sich wieder um ein Sonnett
handelt.)
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© Dafydd Gibbon
Thu Jun 25 08:00:45 MET DST 1998