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Die Morphologie befaßt sich mit
- dem internen Aufbau von Wörtern, d.h. mit
- Stämmen und Flexionen (Flexionsmorphologie), und
- Wortbildung durch
- Verkettung von Affixen (Präfixen und Suffixen) mit einem Stamm (Ableitung, Derivation), oder
- Verkettung von Stämmen oder ganzen Wörtern (Zusammensetzung, Komposition);
- der Zuordnung von Wörtern zu ihren Aussprachen (Morphophonologie).
Beispiel:
``Sonnett an Christo''
Momentan sind die Bäume von Nebel verhüllt.
Die Bäume sind momentan von Nebel verhüllt.
Von Nebel sind die Bäume momentan verhüllt.
Verhüllt von Nebel sind die Bäume momentan.
Verhüllt sind die Bäume momentan von Nebel.
Die Bäume sind von Nebel momentan verhüllt.
Sind momentan von Nebel die Bäume verhüllt?
(Anon)
- die kleinsten `beweglichen' Einheiten in Sätzen:
- die, Bäume, momentan, Nebel, sind, verhüllt, von
- die größten Einheiten in der Morphologie:
- die
- Bäume = Baum + [ {a_

ä_e} ]
- momentan = moment + an
- Nebel
- sind
- verhüllt = ver + hüll + t
- von
- Morphosemantik:
- semantische Kategorien, semantische Merkmale,
- Beispiel: `Baum': pflanze/groß/..., `männlich/weiblich/sächlich',
- und deren Kombinationsregeln;
- Morphotaktik:
- morphosyntaktische Kategorien,
- Substantiv, Genus:maskulin, Numerus:plural,
- und deren Kombinationsregeln;
- Morphophonologie:
- phonologische Kategorien,
- Beispiel: [ {a
ä} - e ])
- und deren Kombinationsregeln.
Relation zwischen Lexikon und Grammatik, Morphologie und Syntax:
(Grafik nach Unterlagen von Christian Lehmann)
Traditionelle morphologische Analysen gehen von einer phonematischen
Repräsentation von Wortformen aus und wenden das Verfahren der
Distributionsanalyse an.
Dieses Verfahren besteht aus zwei komplementären Teilverfahren:
- Segmentierung:
- Zerteilung eines Worts in aufeinanderfolgende kleinere Teile,
- Hierarchische Gruppierung dieser Teile,
- Auffindung von syntagmatischen Relationen;
- Klassifikation:
- Feststellung von Ähnlichkeiten (semantischer, phonologischer, struktureller, kontextueller Art) zwischen Segmenten;
- Zuordnung ähnlicher Elemente zu Hierarchien von Kategorien und Mengen;
- Auffindung von paradigmatischen Relationen.
Überblick über satzsyntaktische syntagmatische und paradigmatische Relationen:
|
Sieben paradigmatische Relationen (Äquivalenzklassen) |
 |
Syntagmatische Relationen zwischen Teilsegmenten  |
Die beiden Verfahren sind eigentlich komplementär zueinander und
werden zyklisch angewandt:
Satzbeispiel:
Die Bäume sind von Nebel verhüllt.
Rezepte für morphologische Segmentierung und Klassifikation:
Grundverfahren:
- zerlege eine Äußerung einer Sprache in Teile (Segmentbildung);
- für jedes Segment, suche Segmente aus anderen Äußerungen, die an der Position dieses Segments für das Segment austauschbar (also `distributionell ähnlich') sind, wobei eine andere Äußerung der Sprache entsteht (Klassenbildung).
Verfahrensvarianten:
Es sind mehrere Varianten des Grundverfahrens denkbar.
Zwei davon sind die top-down und die bottom-up-Verfahren.
Beide Verfahren führen aber zum selben Segmentierungsergebnis,
wenn die Kriterien für die Identifizierung der Positionen der
Einzelsegmente und der Segmentklassen gleich sind.
- Syntaktische Zerlegung:
- # die Bäume # sind momentan von Nebel verhüllt #
- # die Bäume # sind # momentan von Nebel verhüllt #
- # die Bäume # sind # momentan # von Nebel # verhüllt #
- # die Bäume # sind # momentan # von # Nebel # verhüllt #
- # die # Bäume # sind # momentan # von # Nebel # verhüllt #
- Morphologische Zerlegung:
-
- # die # Baum + [ {a_

ä_e} ] # sein [ {sein
sind}] # moment + an # von # Nebel # ver + hüll + t #
- Morphologische Zerlegung:
-
- # die # Baum # [ {a_

ä_e} ] # sein [ {sein
sind}] # moment + an # von # Nebel # ver + hüll + t #
- Syntaktische Zerlegung:
- # die # Bäume # sind # momentan # von # Nebel # verhüllt #
- # die Bäume # sind # momentan # von # Nebel # verhüllt #
- # die Bäume # sind # momentan # von Nebel + verhüllt #
- # die Bäume # sind # momentan von Nebel verhüllt #
- # die Bäume # sind momentan von Nebel verhüllt #
Wenn die Zerlegungsverfahren immer wieder auf ihre eigenen Ergebnisse
angewandt werden, bis keine weiteren Segmente und Klassen gefunden
werden können, entsteht eine Hierarchie von Segmenten:
In der Morphotaktik werden bei der Realisierung von Morphemen
drei Arten von syntagmatischen Relationnen zwischen Segmenten unterschieden:
- Hierarchische Morphotaktik -- Zusammensetzung von größeren Segmenten aus kleineren Teilsegmenten, nach den Prinzipien der
- Flexion (endliche Erweiterbarkeit eines Stammes zwecks Anpassung an satzsyntaktischen Kontext),
- Wortbildung (prinzipiell unbegrenzte Erweiterbarkeit eines Stammes zwecks Vergrößerung des Wortschatzes):
- Ableitung: Verbindung von einem Stamm mit Affixen,
- Zusammensetzung: Verbindung von zwei (oder mehr) Stämmen;
- Lineare Morphotaktik:
- in der Zeit (Morphophonologie (Lautsprache):
- sequentiell (vor-nach-Relation): Wurzeln, Stämme, Affixe (Präfixe und Suffixe),
- parallel (Gleichzeitigkeitsrelation): Wortprosodie (Betonung, Ton, Vokal/Konsonantenanpassungen);
- zusätzlich im Raum: Morphographemik (Schriftsprache):
-
- in drei Dimensionen.
- Morphophonologie -- Anpassung von Morphemrealisierungen als Morphe:
- Zuordnung von Betonungen: schreib + tisch
SCHREIBtisch
- morphophonologisch bedingte Auslautveränderungen:
- Auslautverhärtung (deutsch):
Sieb /
/ Siebe /
/
- Flexionsanpassung (englisch):
cats /
/
dogs /
/
horses /
/
- morphologisch bedingte Stamm- und Suffixersetzungen:
deutsch: singen, sang, gesungen
englisch: sing, sang, sung
- morphologisch bedingte suppletive Ersetzungen:
deutsch: sein, bin, bist, ist, sind, war, waren, gewesen
englisch: be, am, are, is, were, been
französisch: être, suis, es, est, sommes, sont, ...
Einheiten:
- Morphem: das kleinste wortbildende Zeichen und wird sowohl semantisch interpretiert als auch morphophonologisch interpretiert (als Morph bzw. Allomorph realisiert).
- lexikalisches Morphem: Morphem mit qualitativer Bedeutung bzw. semantischer Interpretation als Prädikat, syntaktisch ein Substantiv, Verb, Adjektiv oder Adverb (evt. Präposition), realisiert als lexikalisches Morph, prinzipiell eine `offene' Klasse.
- grammatisches Morphem: mit konstruktiver Bedeutung bzw. semantischer Interpretation als Operator, syntaktisch ein Artikel, Hilfverb, Affix usw., realisiert als lexikallisches Morph, prinzipiell eine `geschlossene' Klasse.
- Morph: kontextbedingte Realisierung eines Morphems durch Phonemsequenzen und/oder Prosodien (in der Schrift: durch Graphemsequenzen), als Allomorph.
- Allomorphe eines Morphems sind einander phonetisch und semantisch ähnlich, kommen aber in verschiedenen morphologishen und phonologischen Kontexten in Wörtern vor (komplementär verteilt).
- Phonem: die kleinste wortunterscheidende (also eigentlich: morphunterscheidende) Einheit, wird nicht semantische interpretiert, aber phonetisch interpretiert (als Phon bzw. Allophon realisiert).
- Allophone eines Phonems sind einander phonetisch ähnlich, kommen aber in verschiedenen Positionen in Wörtern vor (komplementär verteilt).
- Wurzel: lexikalisches Morphem realisiert durch ein lexikalisches Morph.
- Stamm: entweder ein lexikalisches Morphem oder ein bereits definierter Stamm verbunden mit einem Affix.
- Stammrealisierung: Realisierung eines Stamms mit lexikalischen und grammatischen Morphen.
- Affix: ein wortbildendes grammatisches Morphem realisiert als Präfix-Morph oder Suffix-Morph verkettet mit einer Stammrealisierung.
- Morphophonologische Interpretation ist die Abbildung von Morphemen auf Morphe.
- Phonetische Interpretation ist die Abbildung von Phonemen auf Allophone.

Die Morphologie wird traditionell in drei Teilbereiche aufgeteilt:
- Flexion;
- Wortbildung:
- Ableitung (Derivation),
- Zusammensetzung (Komposition).

- Flexionsebenen, -kategorien und -relationen: Die Flexionseigenschaften eines Worts betreffen die Distribution des Worts im Satz und gegebenenfalls (bei deiktischen Kategorien) seine semantische Interpretation, sowie die phonologische Realisierung mit Affixen und Stammveränderungen
- Kopfmerkmale, `head features': Die Flexion eines Wortes im Deutschen ist die Flexion der letzten Wurzel oder des letzten Derivationssuffixes: Einheit-en, Begriff-e Schreibtisch-e; dieses letzte Element ist der Kopf, head, der Ableitung oder der Zusammensetzung, von dem die Eigenschaft auf das ganze Wort übergeht (von ihm `geerbt' wird).
- Flexionskategorien (Flexionsmerkmale): Die flektierenden Wortarten, die partiell überlappende Mengen von Flexionskategorien haben, sind im Deutschen:
- Nomen (Substantiv), Pronomen:
- Kongruenzmerkmale: Numerus (Singular, Plural); Person (erste, zweite, dritte)
- intrinsische Merkmale: Genus (Maskulinum, Femininum, Neutrum)
- Abbildungsmerkmal: Deklination (Endungs- und Stammtyp)
- Artikel, Adjektiv: Wie Nomen, aber zusätzliche Kongruenzmerkmale sind Bestimmtheit (bestimmt/unbestimmt) bei Artikel und Stärke (stark/schwach) bei Adjektiven
- Verb:
- Kongruenzmerkmale: Wie Substantiv
- intrinsische Merkmale: Tempus (Präsens, Präteritum, sowie zusammegesetzte Zeitformen), Modus (Indikativ, Konjunktiv), Genus verbi (Aktiv, Passiv)
- Abbildungsmerkmal: Konjugation (regelmäßig, unregelmäßig)
- Flexionsoperationen: Die Flexionsoperationen betrefffen die Reihenfolge der lautlichen Einheiten, auf die die flektierten Wörter abgebildet werden (Stämme und Affixe), sowie Stammoperationen wie Umlaut, Ablaut, Konsonantenveränderung
- flexionsmorphologische Abbildung: Im Deutschen werden verschiedene Kombinationen von Flexionskategorien auf Flexionsoperationen abgebildet; die Abbildung für ein einzelnes Wort heißt sein Flexionsparadigma.
Unterschiede in der Abbildung zwischen verschiedenen Wörtern derselben Wortart werden vorwiegend durch die Abbildungsmerkmale der Deklination für nominale Wortarten und der Konjugation für Verben bestimmt.
- Beispiel für Realisierungstypen:
- Affigierung -- agglutinierend, fusional
- Präpositionen -- analytisch
- Wortfolge -- analytisch
- Prosodie -- tonal
- Beispiele für Linearisierungsarten:
- Kikuyu -- Töne
- Deutsch -- Fusion
- Arabisch -- Interkalation, Transfigierung
Die Wortbildung ermöglicht eine prinzipiell unbegrenzte
Erweiterung des Wortschatzes durch zwei Verfahren:
- Ableitung: Verkettung von Affixen (Präfixen, Suffixen) mit einem Stamm:
- Zusammensetzung: Verkettung von Stämmen oder Wörtern.
Beispiele (Wurzel -- einfachster Stamm -- unterstrichen):
deutsch: mög-lich, un-mög-lich, ver-un-mög-lich-en
englisch: approach approach-able un-approach-able
französisch: contest contest-able in-contest-able
Problem:
nicht mehr transparent interpretierbare, oft lateinische oder griechische Wurzeln -- contest, attest, protest, ...
Einige Funktionen der Ableitung:
- Ableitung als Anwendung eines Operators auf einen Operanden
- Ableitung nach Funktion:
- Nominalisierung
- Verbalisierung
- Ajektivalisierung
- Adverbialisierung
- Ableitung nach Form:
- Präfigierung
- Suffigierung
- Andere Ableitungsformen
Beispiele (Wurzeln unterstrichen):
deutsch: Donau-dampf-schiff-fahrts-gesellschafts-kapitän
Probleme:
- Fugenmorpheme (deutsch): Mannweib, Mannsbild, Mannesmut, Männerchor; Gelegenheitskauf, Liebesbrief;
- Unsicherheit der Klassifikation als Phrase, Ableitung oder Zusammensetzung (englisch): spoonfuls oder spoonsful?
- Nicht ganz transparente Bedeutungen: Bahnhof, redhead, amuse-gueule,
Folgender Überblick ist als Grundlage für die Gestaltung von weiteren
Übungen gedacht.
- Umlaut: Fuchs - Füchse, Füchsin
- Apophonie/Ablaut: singen - sang, Gesang
- Konsonantenmutation: ziehen - zog, Zug
- Hybride Stammutation: bringen - brachte
- Präfigierung: lachen - ver-lachen
- Suffigierung: stricken - strick-t-est
- Interfigierung: Liebe - Liebe-s-brief
- Präfigierung als Pseudo-Infigierung: umziehen - um-zu-ziehen
Die echte Infigierung existiert im Deutschen nicht; ein Infix spaltet
eine lexikalische Wurzel in zwei Teile.
Christian Lehmann merkt zum Terminus Infix an:
Ein Infix ist ein Affix, das die Wurzel spaltet (Matthews: "that disrupts
the root") und folglich ein diskontinuierliches Allomorph der Wurzel
erzeugt. Beispiel: Praesensbildung im Lateinischen:
tud- "stossen":
tutudi "ich habe gestossen"
tu-tud-i
RDPL-stoss-(PERF)1.SG
tundo "ich stosse"
tu<n>d-o
stoss<PRAES>-(PRAES)1.SG
vic- "siegen":
vici "ich habe gesiegt"
vi:c-i [i.e. Vokaldehnung]
sieg\PERF-(PERF)1.SG
vinco "ich siege"
vi<n>c-o
sieg<PRAES>-(PRAES)1.SG
Aehnliches gibt es in anderen altindogermanischen Sprachen, in
austronesischen Sprachen (Tagalog abundiert in Infixen), aber nicht
in modernen germanischen Sprachen. Frau Pfingstens Beispiel ist ein
gewoehnliches Praefix.
Ein `exotisches' Beispiel aus dem Englischen kommt mit einer Intensivierung
vor:
Absolutely! --
Abso-bloody-lutely!
- Zirkumfigierung: stöhnen - ge-stöhn-t, Ge-stöhn-e
- Superfigierung: UMfahren - umFAHren, AuGUST - AUgust
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© Dafydd Gibbon
Thu Jun 25 08:00:45 MET DST 1998