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- Teilbereiche der Lautlehre
- Phonetik: Die Wissenschaft der beobachtbaren Eigenschaften von Sprachlauten
- Phonologie: Die Wissenschaft der bedeutungsrelevanten Lauteigenschaften
- Beschreibungsebene Zusammenhängende Menge von Beschreibungsmethoden, Darstellungsmittel, Beschreibungskategorien und -strukturen; ein relativ autonomer Teil linguistischer Beschreibung
- Phonetische Beschreibungsebene:
- Methoden: Direkte (perzeptuelle) und indirekte (instrumentelle) Beobachtung, experimentelle Untersuchung, statistische Auswertung
- Gegenstände: physikalische Eigenschaften lautlicher Äußerungen (Sprechen, Übertragung, Hören; Produktion, Transmission, Rezeption))
- Modelle: Kontinuierliche Signale; Merkmalsvektoren und Matrizen; Symbolketten und Merkmalsstrukturen
- Phonologische Beschreibungsebene:
- Methoden: Vergleich von Wörtern im Hinblick auf bedeutungsrelevante partielle Ähnlichkeiten bei phonetischen Eigenschaften (phonetische Ähnlichkeit) und Vorkommen an verschiedenen Stellen in Wörtern (Distribution)
- Distinktive phonetische Merkmale (mit einem Minimum an phonetischen Eigenschaften zur Feststellung der Identität von Wörtern)
- Vorkommen (Distribution) im Verhältnis zu anderen Phonemen in Wörtern
- Gegenstände: Phoneme (kleinste bedeutungsrelevante Segmente von Wörtern), distinktive Merkmale (minimale phonetische Unterschiede zwischen Phonemen); Silben und weitere hierarchisch größere (zeitlich längere) Einheiten
- Modelle: Phonemsequenzen (Ketten), Merkmalsmatrizen, hierarchische Baumgraphen
- Weitere Beschreibungsebenen: Morphologie; Satzsyntax; Semantik; ...
Anmerkung: Der Begriff Ebene ist bei näherem Hinsehen vielleicht etwas irreführend, weil die Metapher `Ebene' übereinandergelegte Schichten suggeriert. Besser wäre wohl die Metapher einer `Sicht' oder einer `Perspektive' auf einen bestimmten Gegenstandsbereich mit bestimmten Methoden und Modellen. Die `Ebenen'-Terminologie hat aber eine lange wissenschaftliche Tradition. In einem Computermodell würden die Ebenen mit `Modulen' modelliert werden.
- Lautsprache ist die primäre Form der Sprache im Hinblick auf Spracherwerb, sprachkulturelle Entwicklung, Sprachgebrauch.
Schriftsprache ist eine spätere, sekundäre, abgeleitete Form.
- Lautsprache dient der unmittelbaren, flüchtigen Spontankommunikation mit simultaner Produktion, Transmission, Rezeption.
Schriftsprache dient der Herstellung dauerhafter Kommunikationsbeziehungen in der Gesellschaft durch Trennung der Phasen von Produktion, Transmission und Rezeption vermittels eines Speichermediums.
- Lautsprache dient der Aushandlung intimer, emotional gefärbter,
wenig verbindlicher Kommunikation.
Schriftsprache dient der institutionalisierten, mit feststellbaren Konsequenzen verbundenen, verbindlichen Kommunikation.
- Lautsprache verläuft sehr schnell, in den meisten lautlichen Details
unterhalb der bewußten Wahrnehmungsgrenze,
mit wenigen Korrekturen bei kleinen Fehlern.
Für die Schriftsprache sind auch bei kleineren Fehlern
(z.B. der Rechtschreibung) gesellschaftliche Sanktionen vorgesehen sind.
- Lautsprache ist mehrdimensional in der Zeit
(Wort/Satzrelevante Eigenschaften, Intonation, Betonung, paralinguistische Merkmale).
Schriftsprache ist eindimensional ist (mit der Ausnahme von wenigen
gröber strukturierten Merkmalen wie Hervorhebung, räumliches Layout.
- Einheiten der Schrift können zu verschiedenen Einheiten
der Lautsprache in Beziehung stehen: zu Phonemen bzw. Sprachlauten
(alphabetische Schrift),
zu Silben (Silbenschrift),
zu Wörtern (logographische Schrift,
vgl. chinesische Schrift, im Extremfall auch Hieroglyphen).
- Laute und Buchstaben stehen nicht in einer
Eins-zu-Eins-Beziehung zueinander:
vgl. der unterschiedliche Gebrauch von c in
ich, ach, China, Chaos, circa, scheu,
backen, ciao (also mindestens 8 verschiedene Aussprachekontexte),
oder frz. (les) eaux, /o:/, engl. ough (in `through'), /u:/, wo eine Kette von vier Buchstaben einem Laut entspricht.
- die Lautung und die Schreibweise von ganzen Wörtern
stehen demnach ebenfalls nicht in einer Eins-zu-Eins-Beziehung:
- (die vertrödelten) Montage vs. Montage(-anleitung), als Homographie,
- oder mein - Main als Homophonie.
- Modell: Eine selektive Abbildung der Wirklichkeit mit anderen Mitteln, z.B. als Text, Graphik, Plastik, Datenbank/Wissensbasis, Computerprogramm, mathematische Formel)
- Beschreibungssprache, Formalismus: Eine wohldefinierte Sprache, die die Beschreibung eines Modells ermöglicht; für Modelle der Sprache handelt es sich um eine Metasprache; die beschriebene Sprache heißt Objektsprache.
- Theorie: Eine exakte Beschreibung eines Modells in Sätzen eines Formalismus; das Modell wird Interpretation der Theorie genannt.
- Konkurrenz von Theorien: Jede Theorie, mit dem dazugehörigen Modell (evt. Modellen), beruht auf Selektion aus der Wirklichkeit und aus den Ausdrucksmöglichkeiten von Beschreibungssprachen; daher können in legitimer Weise konkurrierende Theorien für eng verwandte Bereiche der Wirklichkeit entstehen
- Das IPA als selektives Modell:
- Selektion der Lautproduktion, speziell der Artikulation, aus dem ganzen Bereich der Phonetik
- Vollphonematische Segmentannahme (Kontrastmöglichkeiten: Prosodische Strukturen mit phonematischem `Skelett'; Silbenstrukturen)
- Beschränkung auf Einzelsegmente (keine Sequenzen, wie Silben usw., über Affikate, Diphthonge hinaus)
- Trennung in fünf Teilmodelle:
- Konsonanten
- Vokale
- Modifikationen von Konsonanten und Vokalen (diakritische Zeichen)
- Speziallfälle bei Konsonanten
- Suprasegmentale Lauteigenschaften
- Gewichtung der Teilmodelle als `zentral' (Konsonanten, Vokale) und `zusätzlich' (diakritische Zeichen, Suprasegmentalia)
- Der Signalzyklus: Der physikalische Prozeß der Kommunikation kann in verschiedene Abschnitte eingeteilt werden, von der Planung im Gehirn, über die Lauterzeugung, Transmission und Rezeption, bis zum Verstehen:
- Relevante Phasen des Signalwegs:
- Zentrales Nervensystem
- Afferente Nerven
- Muskulatur
- Organkonfiguration
- Organoberflächenform (z.B. Zungenrücken)
- Lauttransduktion (z.B. Quelle-Filter-Theorie)
- Lauttransmission
- Lauttransduktion (durch Hörorgane)
- Organoberflächenform (z.B. Basilarmembran)
- Organkonfiguration (z.B. Bewegungsrezeptoren)
- Sensoren
- Efferente Nerven
- Zentrales Nervensystem
- Schallquelle vs. Schallfilter
- Allgemeinverständliches, vereinfachendes Modell
- Vereinfachung: Schallquellen haben auch Filtereigenschaften (durch Resonanzen)
- Vereinfachung: Schallfilter haben auch Schallquelleneigenschaften (z.B. Rauschen)
- Selektion im Filtermodell: Größe und Form des Artikulationstrakts (Mund- und Nasenraum) als rundes Rohr mit Abschnitten verschiedenen Durchmessers
- Schallquellen (bzw. Luftdruck-Schall-Konversion)
- Pulmonarer Luftdruck mit Vocalisvibration (Stimmlippenschwingung)
- Pulmonarer Luftdruck mit Frikation (Artikulationsengen)
- Sekundäre Luftüberdruck-/Luftunterdruckerzeugung (Schnalzlaute)
- Schallfilter (Artikulationsorte)
- Artikulatorische Geometrie
- Artikulationsorte
- Artikulatoren
- Artikulatoren
- Koartikulation
- Konsonanten: Kombination von Artikulationsstelle und Artikulator
- Vokale: vierdimensionaler Raum (zwei kontinuierliche Dimensionen der Zungenrückenposition - hoch/tief, vorn/hinten, plus Lippenrundung bzw. -spreizung, und Nasalität - oral/nasal)
- Artikulationsstellen und Artikulatoren der Konsonanten
- Subglottal - Trachea, Bronchien; Lungenvolumen
- Glottal - Stimmritze, Stimmlippenöffnung: subglottaler Luftdruck, Kehlkopfmuskulatur
- Supraglottal: Mund- und Nasenraum
- Nasal: oberer Pharynx mit Velumverschluß
- Oral: obere Flächen der Mundhöhle mit beweglichen Organen (Zunge, Unterlippe und, bei Labialisierung, Oberlippe)
- Pharyngal Pharynx/Rachenraum mit Zungenwurzel
- Uvular Uvula/Zäpfchen mit Zungenrücken
- Velar Velum/weicher Gaumen mit Zungenrücken
- Palatal Palatum/harter Gaumen mit Zungenrücken
- Alveolar Alveolae/Zahndamm mit Apex/Zungenspitze oder Corona/Zungenblatt
- Dental Dentes/Zähne mit Apex/Zungenspitze
- Labial Labia/Lippen: Oberlippe mit Unterlippe (labia-labiae/labium-labia)
- primäre (orale) Artikulationsart, Artikulationsdynamik
- Ruhestellung
- Rezonanzbildung (Vokale)
- Approximation (Halbvokale)
- Frikation (Reibelaute)
- Verschluß (Verschlußlaute)
- sekundäre Artikulationsart, Artikulationsdynamik
- Phonation (Stimmbildung)
- Nasalierung
- Velarisierung, Palatalisierung, Labialisierung
- Sequenzierung von Lautproduktionsereignissen
- Parallelisierung von Lautproduktionsereignissen
- Synchronisierung/desynchronisierung paralleler Ereignisse
- Sequenzierungsbeschränkungen (universell, sprachspezifisch)
- Koartikulationsbeschränkungen (universell, sprachspezifisch)
- Vokalische Koartikulation
- Zwei linguale Dimensionen
- je eine labiale, nasale und glottale Dimension
- Konsonantische Koartikulation
- Artikulation
- zweifache Artikulation (z.B. [kp], [gb])
- Phonation (stimmhaft/stimmlos)
- Nasalität (oral/nasal)
- Labialisierung, Palatalisierung, Velarisierung
- Implosion/Explosion (Luftdruckerzeugung durch Kehlkopfbewegung)
- Ingression/Egression (Luftdruck/ -unterdruckerzeugung durch Lungenkontraktion/ -expansion)
- Click/Schnalzlaute (Luftunterdruckerzeugung durch Zungenretraktion)
- Assimilation (Übernahme von Eigenschaften von Nachbarlauten)
- Der Signalzyklus: das `signalphonetische Band' von Signalen in verschiedenen Phasen der Produktion, der Transmission und der Rezeption
- Relevante Phasen des Signalwegs:
- Zentrales Nervensystem
- Afferente Nerven
- Muskulatur
- Organkonfiguration
- Organoberflächenform (z.B. Zungenrücken)
- Lauttransduktion (z.B. Quelle-Filter-Theorie)
- Lauttransmission
- Lauttransduktion (durch Hörorgane)
- Organoberflächenform (z.B. Basilarmembran)
- Organkonfiguration (z.B. Bewegungsrezeptoren)
- Sensoren
- Efferente Nerven
- Zentrales Nervensystem
- Schallwellen (im Luftmedium): Luftstrom dient nur zur Lauttransduktion; die Schalltransmission geschieht auch in stiller Luft durch Beeinflussung benachbarter Luftmoleküle (vgl. Billardkugeln)
- Zeitbereich: Signal als Zeitfunktion, mit Phase und Amplitude; als einfache Zeitfunktion, z.B. Kosinusfunktion, oder komplexe Zeitfunktion, z.B. Fourier-Reihe überlagerter, vielleicht harmonisch verwandter, einfacher Funktionen; Energie eines Signals als die `Fläche', die vom gleichgerichteten Signal in den Dimensionen Zeit und Amplitude bedeckt wird
- Frequenzbereich: Transformation von Signalabschnitten in eine Repräsentation der Amplituden und Phasen von Teilfrequenzen durch Fourier-Analyse (Fourier-Transformation, diskrete Fourier-Transformation, `schnelle Fourier-Transformation', `Fast Fourier Transformation, FFT'); feinere Zeitinformation wird nicht dargestellt
- Grundfrequenz und Obertöne: der tiefste Klangkomponente des stimmhaften Signals, zu der Obertöne als Vielfache in Relation stehen (Männerstimmen: zwischen ca. 70 Hz und 140 Hz; Frauenstimmen: zwischen ca. 130 Hz und 260 Hz); durch die Schallquelle Glottis erzeugt
- Formanten: Ausgeprägte Obertonbereiche, die durch die Resonanzräume von Mund, Nase, Rachenraum und Lungen erzeugt werden, und für Klangfarbenunterschiede z.B. zwischen Vokalen oder zwischen Frikativen verantwortlich sind
- Relevante Phasen des Signalwegs:
- Zentrales Nervensystem
- Afferente Nerven
- Muskulatur
- Organkonfiguration
- Organoberflächenform (z.B. Zungenrücken)
- Lauttransduktion (z.B. Quelle-Filter-Theorie)
- Lauttransmission
- Lauttransduktion (durch Hörorgane)
- Organoberflächenform (z.B. Basilarmembran)
- Organkonfiguration (z.B. Bewegungsrezeptoren)
- Sensoren
- Efferente Nerven
- Zentrales Nervensystem
- Filterung und Anpassung durch Gehörgang, Trommelfell, Knöchelchen
- Spektranalyse, Fourieranalyse durch Basilarmembran und peripheres Nervensystem
- Integration von Gehöreindrücken, Richtungshören durch zentrales Nervensystem
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© Dafydd Gibbon
Thu Jun 25 08:00:45 MET DST 1998