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Sprachliche Äußerungen desselben Worts, Satzes, ... sind niemals gleich,
weil:
- die Sprechweise, Sprechgeschwindigkeit, Konzentration kaum merklich anders ist,
- die Stimmung anders ist,
- die Situation anders ist,
- verschiedene Personen unterschiedlich sprechen, je nach
- Aufgabe (Sprachregister, Funktionalstile),
- Region (Dialekte),
- Schicht, Klasse, Kaste (Soziolekte).
[ Weitere Informationen über Variation im Englischen. ]
In dieser Variation liegt der Kern des Wandels:
- Der einzelne ändert seine Sprache im Laufe seines Lebens -- am auffälligstens natürlich im Säuglings- und Kleinkindalter.
- Von Generation zu Generation lernen Kinder leicht veränderte Versionen einer Sprache und ändern diese selbst.
Oft ist die Schriftsprache wie ein `Museum' für die Aussprache und die Grammatik vergangener Zeiten:
- die kleinen Veränderungen in der gesprochenen Sprache werden zwar kaum wahrgenommen,
- sie addieren sich aber im Laufe von wenigen Generationen zu größeren Änderungen,
- während die Schrift durch den Druck verschiedener gesellschaftlicher Faktoren etwa gleich bleibt,
... daher unter anderem das wiederholt auftretende Bedürfnis nach Rechtschreibreform.
Mit dem Sprachwandel befaßt sich die historische Sprachwissenschaft,
zu der allerdings viele Bereiche der deskriptiven und theoretischen
Sprachwissenschaft beigetragen haben (vor allem strukturalistische
und generative Theorien).
Wichtige Begriffe in der historischen Sprachwissenschaft sind:
- Sprachgeschichte
- Sprachwandel
- Synchronie vs. Diachronie
- Rekonstruktion
Durch die Einwirkung gesellschaftlicher und individueller Faktoren auf
die Benutzer von Sprachzeichen ändert sich jede Sprache von Generation
zu Generation.
Im täglichen Leben spricht auch jeder Benutzer von sprachlichen Zeichen
anders, je nach Situation:
In einer schriftlichen Antwort auf eine Stellenanzeige äußert man
in Wortwahl, Satzbau, Ausdrucksmedium (visuell nicht akustisch)
anders als im engsten Freundeskreis oder in der Familie.
Folgende Aspekte ändern sich am auffälligsten:
- Aussprache: manchmal stark von Situation zu Situation, aber langsam von Generation zu Generation.
- Wortschatz: in den meisten Bereichen ändert sich der Wortschatz relativ langsam, aber einigen Bereichen können Ärnderungen von einem Tag auf den anderen eintreten:
- ``Elchtest'' -- ein neuer Begriff wird von einem Schweden erfunden.
- neue technische Erfindungen bedingen Bedeutungsänderungen (``mit der Maus surfen'' bedeutete in den 80er Jahren ganz was anderes ...).
- Wertende Begriffe unterliegen der Mode: ``toll'', ``gigantisch'', ``geil'',...
- Satzbau: ändert sich sehr langsam (..., weil er morgen nach Hause kommt
..., weil er kommt morgen nach Hause).
- Gepflogenheiten des Sprachgebrauchs: Höflichkeitskonventionen wie Begrüßungsrituale, Bedanken; Einfluß anderer Kulturen (europäisch, amerikanisch, ...) oder neuer Medien (Comic-Sprache, Internet-Sprache).
Sprachwandel = Wandel von Eigenschaften sprachlicher Zeichen
Es können sich demnach ändern ...
- Strukturen auf Wort, Satz, Textebene usw.,
- Bedeutungen und Sprachgebrauchskonventionen auf den verschiedenen Ebenen (semantischer Wandel, Bedeutungswandel),
- Aussprachen auf den verschiedenen Ebenen (Lautwandel),
- Orthographie, Interpunktion, Umbruch- und Seitengestaltungskonventionen.
... an verschiedenen Orten im `Sprachvariationsraum'.
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Wortform | = | ``Sternchen'' | (Orthographie) |
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| = | / / | (IPA-Lautschrift) |
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| = | /StErnC@n/ | (SAMPA computerlesbare Lautschrift) |
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Wortbedeutung | = | `*' | |
Ähnlichkeitstypen:
- historische (genetische) Verwandtschaft,
- gegenseitige Beeinflussung, Entlehnung,
- typologische Ähnlichkeit aufgrund von sprachlichen Universalien,
- Zufall.
Quelle: Fromkin & Rodman, p. 226.
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Algonquianisch | Gälisch | |
| bhanem | ban | ``Frau'' |
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alnoba | allaban | ``Person'', ``Einwanderer'' |
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llab | lion-obhair | ``Netz'' |
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odana | dun | ``Stadt'' |
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na'lwiwi | na h-huile | ``überall'' |
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kladen | claden | ``Frost'', ``Schneflocke'' |
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pados | bata | ``Boot'' |
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monaden | monadh | ``Berg'' |
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aden | ard | ``Höhe'' |
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cuiche | cuithe | ``Schlucht'' |
Probleme:
- Handelt es sich um Beweise für die Verwandtschaft der Sprachen?
- Könnten die Ähnlichkeiten Zufall sein?
- Könnten die Wörter Entlehnungen zwischen den beiden Sprachgemeinschaften sein?
- Was bräuchte man sonst an Evidenz, um eine historische Verwandtschaft zu beweisen?
Eine Untersuchungsmethode: Wortlistenvergleich, Lexikostatistik:
``Swadesh-Wortliste'', ca. 200 Wörter.
Alle Sprachen haben ...
- koronale Konsonanten (Zungenspitzenkonsonanten),
- Beschränkungen über mögliche Lautkombinationen (z.B. Silbenstrukturen),
- Verwandschaftsbezeichnungen für Familienmitglieder,
- idiomatische Redewendungen,
- Pronomina, ...
Im Detail variieren Sprachen aber enorm:
- Zulässige Silbentypen: KV, VK, V, KKV, VKK, KVV, ...
- Zulässige Verbpositionen: SVO, VSO, SVO, ...
- Zulässigkeit eines `leeren Subjekts':
Dt: ich liebe, Lat: amo
Die synchrone Sprachbeschreibung betrachtet einen `Schnappschuß'
einer Sprache zu einer bestimmten Zeit.
Die diachrone Sprachbeschreibung betrachtet die Entwicklung der Sprache in der Zeit -- die historische Sprachwissenschaft / historische Linguistik.
Aber:
- Die Veränderbarkeit der Sprache ist nicht unmittelbar evident,
- Ein historisches Bewußtsein mußte erst entstehen:
- Kolonialismus: Varietät und Ähnlichkeit der Sprachen, Entdeckung des Sanskrit,
- In Dokumenten belegter Sprachwandel:
Altgriechisch - Neugriechisch,
Latein- romanische Sprachen.
- Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts:
- Romantik, Suche nach nationalen, ethnischen, kulturellen, sprachlichen Wurzeln,
- Fortschritts- vs. Dekadenzdenken
- Theorie der biologischen Evolution (Darwin),
- Positivismus (Mach, Sherlock Holmes ...)
- Was ist der Unterschied zwischen Sprache und Dialekt?
- Welche war die deutsche Standardsprache vor dem Jahr 500 n.Chr.?
- ... um das Jahr 900 n. Chr.?
- ... um das Jahr 1300 n. Chr.?
- ... um das Jahr 1600 n. Chr.?
- ... um das Jahr 1800 n. Chr.?
- ... um das Jahr 2000 n. Chr.?
Gibt es klare Sprünge in der Entwicklung, d.h. ``Sprachstufen'', oder eher kontinuierliche Entwicklung?
Gruppen von Sprachen, die
- phonetische,
- strukturelle,
- semantische,
- geographisch plausible,
- zeitlich plausible Ähnlichkeiten aufweisen,
Die am besten dokumentierte Sprachfamilie ist die Into-Europäische Sprachgruppe.
Eine verkürzte Übersicht der Stammbaumdarstellung:
- Germanisch:
Dänisch, Deutsch, Englisch, Färöisch, Flämisch, Holländisch, Isländisch, Jiddisch, Norwegisch, Schwedisch
- Italisch:
Dalmatisch, Französisch, Italienisch, Katalanisch, Portugiesisch, Provençal, Rhäto-Romanisch, Rumänisch, Sardisch, Spanisch
- Keltisch:
Bretonisch, Irisches Gälisch, Schottisches Gälisch, Walisisch (Kymrisch)
- Hellenisch: Griechisch
- Balto-Slawisch:
Bulgarisch, Czechisch, Slowakisch, Lettisch, Litauisch, Polnisch, Russisch, Serbo-Kroatisch
- Indo-Iranisch: Bengali, Hindi und Urdu, Persisch
- Albanisch
- Armenisch
Feinere Unterteilungen können beschrieben werden, z.B. Germanisch:
- Ostgermanisch: gotisch ... alle ausgestorben -- erste germanisches Kulturdokument (Bibelübersetzung von Wulfila/Ulfilas)
- Nordgermanisch: Isländisch, Norwegisch, Schwedisch, Dänisch (erste germanische Inschrift:
EK HLEWAGASTIZ HAURNA TAWIDO
- Westgermanisch: Deutsch, Englisch, Friesisch, Niederländisch
- Hypothetische, rekonstruierte Formen:
- ``Pferd'', ``Kuh'', ``Schaf''
- ``Spinnen'', ``Weben'', ``Pflügen''
- Also: Tier- und Pflanzenbezeichnungen,
- ... Landwirtschaft, Gartenbauwirtschaft, Hirtenwesen,
- ... soziale und religiöse Institutionen.
- Möglich aber kontrovers:
- patriarchalische Gesellschaft,
- Himmelsgott, Naturphänomene als Götter,
- Bronzeit?
- Kurgan-Kultur,
- Südrußland,
- ca. 4000 Jahre vor Christus,
- westliche Ausbreitung.
- ... und ca. 40 mal früher: die Theorie der ``afrikanischen Eval''?
- Sprachgemeinschaft ist nicht gleich Kulturgemeinschaft.
- Sprachgemeinschaft ist nicht gleich ethnische Gruppe.
- Sprachgemeinschaft ist nicht gleich politische Gruppe.
- Sprachgemeinscahft ist nicht gleich Rasse.
- Europäische und asiatische Sprachfamilien:
- Baskisch
- Finno-Ugrisch:
Estnisch, Finnisch, Ungarisch, Lappisch
- Altaisch:
Mongolisch, Türkisch, einige kaukasische Sprachen
- Japanisch
- Koreanisch
- Sino-Tibetanisch: Burmesisch, Kambodschanisch, Chinesisch, Laotisch, Thai, Vietnamesisch, Tibetanisch
- Drawidisch: Malayalam, Kanaresisch, Tamil, Telugu
- Malaysisch-Polynesisch:
Formosisch, Fiji, Hawaii, Indonesisch, Javanesisch, Malagassisch, Samoisch, Tagalog, Tahiti
- Afrikanische Sprachfamilien:
- Niger-Kongo:
Akan, Ibo, Yoruba, Luganda, Swahili, Zulu, Bambara
- Khoisanisch:
Buschmann, Hottentot, Xhosa
- Afro-asiatisch:
Amharisch, Arabisch, Berber, Chad, Galla, Hausa, Hebräisch, Somali
- Amerikanische Sprachfamilien:
- Quechua
- Maya
- Eskimo-Aleut
- Athabiaskisch
- Iroquesisch
- Sioux
- Uto-Aztekisch
- Hokanisch
- Mosanisch
Grimm'sches Gesetz (Germanische Lautverschiebung):
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1. Deaspiration: | *bh | *dh | *gh | | *b | *d | *g | Buche | |
|
2. Verhärtung: | *b | *d | *g | | *p | *t | *k | ten | |
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3. Frikativierung: | *p | *t | *k | | *f | * | *h | Vater | |
Sonderfälle:
- st: stare - stand
- Verner'sches Gesetz:
Warum: Latein pater--frater, Deusch Vater--Bruder
Zwischen Vokalen werden Frikative stimmhaft (weich)
außer, wenn Betonung unmitelbar vorher.
Hochdeutsche Lautverschiebung:
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| | C | V | C |
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p | | pf | | f |
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t | | ts | | s |
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k | | k (kx) | | x/ç |
- Interne Faktoren:
- Analogie:
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Eng | was | were |
|
Dt. | war | were |
- Formen: phonetische Verschiebung wird zum kategorialen Unterschied:
- englische Flexion: Reduktion und Verlust
- gesprochenes Deutsch: ``fehlende'' Endungen
- Bedeutungen:
- semantische Verallgemeinerung: dog -- Dogge
- semantische Spezialisierung: hound (vgl. Hund)
|
D | Schürze | Kittel | |
|
E (urspr. Süd) | shirt | Oberhemd | |
|
E (urspr. Nord) | skirt | Rock | |
- Externe Faktoren:
- Ortsveränderung, Trennung begünstigt Unterschiede bei internen Faktoren,
- Militärische Eroberung, politische Unterwerfung ohne größere Bevölkerungswanderung,
- Asymmetrischer Kulturkontakt:
- (gruppenspezifische) Prestigefaktoren,
- Dialekte (Einfluß der Hochsprache bzw. der ``Prestige-Dialekte''
- Entlehnung, Fremdwörter: gruppenspezifische Schübe zu bestimmten Zeiten
- Asymmetrischer wirtschaftlicher Kontakt: Pidginsprachen, Kreolsprachen
- Auf allen Kontinenten,
- Möglicherweise Tendenzen in der Entwicklung aller Sprachen,
- Entwicklungsprozeß:
- Entstehung eines Pidgin durch Kontakt mit Handelsmacht,
- Re-Pidginisierung durch neue Machtfaktoren,
- Kreolisierung durch Isolation von Ursprüngen, Gewöhnung, neue Generationen,
- De-Kreolisierung durch normale Sprachentwicklung, Sprachkontakte.
- ``Pidgin'':
- business, occupaçao, pidian (Süd-Am. = Volk)?
- Indians, Pidjom (Hebräisch = Tauschhandel)?
- pigeon?
- Spezialsprache für besondere Handelszwecke zwischen Menschen mit
keiner gemeinsamen Sprache:
asymmetrischer Machtfaktor durth Handelsmacht.
- restringierter Wortschatz, Syntax, Phonologie:
|
Neo-Melanesisch: | mi/yu/em/jumi,mipela/yupela | go |
|
Kamerun: | a/yu/i/wi/wuna/dem | go |
- ``Kreolsprache'':
- Portugiesisch: ``crioulo'', Spanisch: ``criollo'' (<< `to nurse, breed, nourish, bring up),
- Eine Pidginsprache wird zur Muttersprache für eine jüngere Generation: ein Kreolsprache.
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© Dafydd Gibbon
Thu Jun 25 08:00:45 MET DST 1998