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Sprache, Sprachwissenschaft

 

Beschreibung sprachlicher Äußerungen, Wörter, Sätze

Sprachbeschreibungen Allgemeine Sprachwissenschaft, deskriptive Linguistik
Sprachgebrauch Pragmatik
Sprachliche Dialoge Diskursanalyse, Konversationsanalyse
Bedeutungen Semantik
Aussprache Phonetik, Phonologie
Wortlehre Lexikologie, Lexikographie
Satzbau Syntax (Satzszntax)
Worbau Morphologie (Wortsyntax)
Entstehung, Entwicklung von Sprachen Historische Sprachwissenschaft
Sprachverwandtschaften Vergleichende Sprachwissenschaft
Gemeindsamkeiten und Besonderheiten von Sprachen Sprachtypologie
Computersprache Computerlinguistik
 

Allgemeine Fragestellungen der Linguistik

Was ist Sprache? Sprachtheorie
Wie ist Sprache strukturiert? Grammatiktheorie
Sprache als System von Zeichen Semiotik
Sprache als Eigenschaft der Menschen Biolinguistik
Exakte Sprachbeschreibung Mathematische Linguistik
Sprache und Kognition, Verhalten Psycholinguistik
Sprache und Gesellschaft Soziolinguistik
Anwendungen linguistischer ERgebnisse Angewandte Sprachwissenschaft
Sprache und Ästhetik Poetik
Methoden und Erkenntnis in der Linguistik Wissenschaftstheorie
 

Die wissenschaftliche Untersuchung von Sprache

Wie andere menschliche Tätigkeiten werden wissenschaftliche Untersuchungen von Wissenschaftlern durchgeführt also von Menschen, die

Von entscheidender Bedeutung ist also die Aufstellung nachvollziehbarer, objekti ver oder intersubjektiver Kriterien für die Güte wissenschaftlicher Theorien. Einige dieser Kriterien werden im folgenden erläutert.

 

Der wissenschaftliche ``Tätigkeitsraum''

Eine wissenschaftliche Untersuchung, die zur Aufstellung einer Theorie führt, umfaßt mindestens drei Tätigkeiten, die in einer komplexen Beziehung zueinander stehen.

  1. Beobachtung (Observation) und Niederschrift (Transkription) beobachteter Sachverhalte (Ereignisse, Gegenstände, Eigenschaften);

  2. Beschreibung (Deskription) beobachteter Sachverhalte aufgrund ihrer Ähnlichkeiten und Gesetzmäïgkeiten;

  3. Erklärung (Explanation) beschriebener Sachverhalte durch Aufdeckung ihrer Ursachen, Funktionen, Abhängigkeit von Gesetzmäßigkeiten.

Die Tätigkeiten bedingen einander: keine Erklärung ohne Beschreibung, keine Beschreibung ohne Beobachtung. Allerdings setzt Beobachtung auch immer voraus, daß Annahmen über eventuell noch nicht ganz explizit formulerte Beschreibungs- und Erklärungsarten gemacht werden.

Der Wissenschaftler sollte also wissen, wo er sich im wissenschaftlichen ``Tätigkeitsraum'' befindet.

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Der wissenschaftliche ``Theorieraum''

Eine Theorie ist in der Alltagssprache eher eine Vermutung, eine Spekulation, eine nicht bewiesene Idee.

Dies erfaßt aber nur einen kleinen Teil dessen, was eine wissenschaftliche Theorie ist, da diese den strengen Kriterien wissenschaftlicher Tätigkeiten genügen muß.

In den verschiedenen Wissenschaften hat sich, entsprechend den unterschiedlichen Gegenständen und Methoden, eine Vielzahl von Definitionen des terminus technicus ``Theorie'' entwickelt.

Wenn man sie aber miteinander vergleicht, stellt es sich heraus, daß alle von verschiedenen Möglichkeiten handeln,

im Rahmen von wissenschaftlichen Tätigkeiten miteinander in Beziehung zu setzen. Diese drei Bedingungen für die Entstehung einer Theorie können als Theorieraum visualisiert werden:

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Das Geflecht wissenschaftlicher Methoden

Jeder Wissenschaftler entwickelt -- oder wählt aus -- die für seine Zwecke brauchbarsten Methoden. Hierfür gibt es eine große Vielfalt möglicher Methodenkombinationen, die auf folgende Faktoren eingehen:

Einige der Relationen zwischen diesen Faktoren werden im Diagramm visualisiert.

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Sprachliche Zeichen

Sprachliche Zeichen verbinden

Im Laufe der Entwicklung der Sprachwissenschaft wurden verschiedene Theorien für Sprachzeichen vorgeschlagen, die meist anhand von anschaulichen graphischen Modellen visualisiert wurden.

Zwei einflußreiche ältere Modelle (für besonders Interessierte: s. auch Funktionen der Sprache). werden hier dargestellt. Für den heutigen Erkenntnisstand reichen sie bei weitem nicht aus, sie führen aber recht gut in die wichtigsten Eigenschaften sprachlicher Zeichen ein.

 

Das dualistische Modell de Saussures (1915)

Ferdinand de Saussure, ein Schweizer Indogermanist der oft als Begründer der heutigen Linguistik angesehen wird,

Zeichenmodell entwickelt:

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Die beiden mentalen Komponenten eines Sprachzeichens sind

  1. die Vorstellung oder der Begriff (``concept'') und

  2. das akustische Abbild (``image acoustique'').

Die Pfeile deuten an, daß es sich um Prozesse handelt, die sich zwischen Menschen abspielen, die durch die akustischen Abbilder Begriffe austauschen und dadurch ein kollektives Unterbewußtsein in einer Sprachgemeinschaft entwickeln.

 

Das ``Organonmodell'' Bühlers (1934)

Karl Bühler stellte ein Modell vor, daß als

kurz beschrieben werden kann.

Im Mittelpunkt steht das Individuum, der Zeichen als Werkzeuge oder Instrumente (``Organon'') verwendet und damit Beziehungen zu seiner Umwelt aufbaut:

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Sprachebenen

Sprache kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Von der lautlichen Realisierung bis zur Bedeutung im sozialen Kontext bietet die Linguistik Methoden zur Beschreibung sprachlicher Strukturen.

Eine Äußerung des Satzes ``Moin, wat sin' die Möwen aber heute laut!'' kann hat unzählige Eigenschaften, die in linguistischen Beschreibungen systematisiert, in empirischen Untersuchungen analysiert und mit Theorien, gegebenfalls auch mit mathematischen Modellen und Computerprogrammen, beschrieben werden.

 

Laute, Strukturen und Bedeutungen

Traditionell werden systematische linguistische Beschreibungen nach inhaltlichen Sprachebenen organisiert:

 

Was sind Sprachebenen?

Die folgenden Kapitel führen in ausgewählte Aspekte der Sprachebenen ein. Sie orientieren sich zwar primär an der traditionellen Auffassung von Sprachebenen, weichen im Detail aber in vielen Hinsichten davon ab, weil es sich herausgestellt hat, daß die traditionelle Reihung von Sprachebenen (Pragmatik -- Semantik -- Syntax -- Morphologie -- Phonologie) der Komplexität der Sprache nicht gerecht wird.

Mehrere wichtige Fragen bleiben bei dieser Auffassung unbeantwortet, ja sie lassen sich zum Teil nicht einmal stellen.

Wir werden von einer erweiterten Auffassung der Sprachebenen ausgehen, die sich einerseits gut mit traditionellen Vorstellungen verknüpfen läßt, andererseits aber den Gegebenheiten besser gerecht wird.

 

Ebene, Struktur, Interpretation

Jede Sprachebene, z.B. die Morphologie (die Beschreibung des Wortbaus), wird anhand folgender Unterscheidungen beschrieben:

Die pragmatischen Relationen bestehen zwischen allen diesen Aspekten von Zeichen und den Menschen, die die Zeichen verwenden, im Rahmen von gesellschaftlichen Strukturen und Prozessen.

 

Wie verhalten sich die Ebenen zueinander?

Der erste Fragenkomplex betrifft die Beziehung der Ebenen untereinander. Besteht eine direkte Beziehung beispielsweise nur zwischen Phonologie und Morphologie, aber nicht zwischen Phonologie und Syntax oder Semantik?

Wie sieht es dann mit onomatopoetischen Wörtern aus, z.B. Kuckuck, kikeriki, der Lichtassoziation des gl in glitzern, glimmern, glühen, gleißen, ..., den unterschiedlichen melodischen Lauteigenschaften, also der Tonfall, von ganzen Äußerungen, etwa in Aussagen, Fragen, Befehlen, Nebenbemerkungen, Rückfragen?

Warum gehört ein `Lexikon' nicht zu den Sprachebenen? Wo werden wichtige Begriffe wie Text oder Diskurs untergebracht?

 

Entsprechen die Ebenen auch menschlichen Fähigkeiten?

An zweiter Stelle kann gefragt werden, ob eine Reihung von Ebenen dieser Art den sprachlichen Organisationsprinzipien entspricht, die der Mensch beim Lernen einer Sprache entwickelt und seine sprachlichen Leistungen bestimmt.

Es gibt viele Hinweise aus der Psycholinguistik darauf, daß solche Ebenen nicht `hintereinander abgearbeitet' werden sondern alle parallel und mit einer hochgradigen `konnektionistischen' Verknüpfung zwischen Einheiten auf verschiedenen Ebenen.

 

Sprachebenen und ihre spezifischen Methoden

Schließlich kann gefragt werden, wie man eigentlich zu gerade diesen Ebenen gelangt -- aufgrund welcher empirischer Methoden und formaler Annahmen?

In der Tat gibt es divergierende, gut begründete Unterschiede unter Linguisten -- wie übrigens in allen Wissenschaften -- zum Beispiel darüber, wieviele Teilebenen der Syntax existieren, ob Syntax und Semantik nicht doch zusammen behandelt werden sollen, ob Pragmatik und Semantik sich wirklich unterscheiden lassen.

 

Ein mehrdimensionales Modell des Sprachzeichens

Die Abbildung zeigt ein diffenzierteres Modell der Sprachebenen.

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Das Modell ist einerseits leicht mit traditionellen Auffassungen gut zu vereinbaren, bietet andererseits aber für neuere Fragestellungen Ansatzpunkte.

Zentraler Begriff ist Die `eindimensionale' Auffassung von Sprachebenen wird zugunsten einer `mehrdimensionalen' aufzugeben. Hierzu bietet der Begriff des Sprachzeichens einen wichtigen Anhaltspunkt.

Ein Sprachzeichen hat verschiedene strukturelle oder `syntaktische' Ebenen: Neben traditioneller Satzsyntax wird Morphologie jetzt als `Wortsyntax' betrachtet, und größere Einheiten anhand einer einer `Textsyntax' und `Diskursstrukturen' analysisert.

Die Semantik (einschließlich Pragmatik) läßt sich dann für Sprachzeichen jeder Größe in einer anderen `interpretativen' Dimension als Beziehung zwischen Sprachzeichen und der Situation ihrer Verwendung beschreibung, Objekten, Ereignissen, Personen.

Schließlich werden auf in einer Realisierungsdimension sprachliche Zeichen jeder Größe im Hinblick auf ihre Lautung analysiert, mit dem Ergebnis, daß traditionelle Unterscheidungen wie `Phonologie' (von Wörtern), `Prosodie' (von Sätzen usw.) zugunsten einer differenzierten `prosodischen Hierarchie' der distinktiven Lauteigenschaften von Wörtern, der rhythmischen und melodischen Eigenschaften von Sätzen, Diskursen usw. aufgelöst werden.


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© Dafydd Gibbon Thu Jun 25 08:00:45 MET DST 1998