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Semantik -- Text- und Diskurssemantik

Immer komplexer, aber auch gleichzeitig faszinierender, wird die Semantik auf den Text- und Diskursebenen. Diese Bereiche sind aufgrund ihrer Komplexität und der Problematik, präzise Theorien zu entwickeln, gleichzeitig die Bereiche mit kontroversesten Theorien.

Wir fangen mit einem griffigen Beispiel an ...

 

Textsyntax, Textsemantik, Textpragmatik mit Mutti Lottis Nußecken

Rezept

Zutaten:

Teig:
300 g Mehl
1 Teelöffel Backpulver
130 g Zucker
1 Päckchen Vanillezucker
2 Eier
130 g Margarine
Belag:
7 Eßlöffel Aprikosenmarmelade
100 g Zucker
250 g Butter
2 Päckchen Vanillezucker
4 Eßlöffel Wasser
200 g gehackte Haselnüsse
200 g gehackte Mandeln

Zubereitung:

Die Zutaten für den Teig zu einem Knetteig verarbeiten, ausrollen und auf ein Backblech (mit Backpapier) legen, mit Marmelade bestreichen, Butter, Zucker, Vanillezucker und Wasser für den Belag in einem Topf zergehen lassen und aufkochen, Mandeln und Nüsse unterrühren, Masse auf dem Teig verteilen und glattstreichen. Im Backofen bei 180 Grad ca. 30 Minuten backen lassen. Das Gebäck (am besten noch lauwarm) in Dreiecke zerschneiden.

 

Textsyntax

Diese Textsyntax verwendet zwar Kategorien, die `semantisch' aussehen; dennoch handelt es sich um eine reine Syntax.gif

REZEPT ::= ZUTATEN ZUBEREITUNG
Zutatenregeln:
ZUTATEN ::= TEIG-ZUTATEN BELAG-ZUTATEN
TEIG-ZUTATEN ::= ZUTATENLISTE
ZUBEREITUNG-ZUTATEN ::= ZUTATENLISTE
ZUTATENLISTE ::= ZUTAT | ZUTAT ZUTATENLISTE
ZUTAT ::= MENGE ART
MENGE ::= ZAHL (MAß)
ART ::= (BEARBEITUNG) TYP
Zutatenlexikon:
ZAHL ::= 1, ... , 300
MAß ::= g | Teelöffel | Päckchen | Eßlöffel
BEARBEITUNG ::= gehacktes
TYP ::= Mehl | Backpulver | Zucker | Vanillezucker | Eier | Margarine | Aprikosenmarmelade | Butter | Wasser | Haselnüsse | Mandeln
Zubereitungsregeln:
ZUBEREITUNG ::= VERARBEITUNG FORMUNG BACKEN
VERARBEITUNG ::= URSPRUNG ZIEL VORGAENGE
VORGAENGE ::= VORGANG | VORGANG (und) VORGAENGE
VORGANG ::= (OBJEKT) (ORT) (INSTRUMENT) (ZIEL) (ZEIT) (TEMPERATUR) HANDLUNG
Zubereitungslexikon:
OBJEKT ::= die Zutaten für den Teig | Butter, Zucker, Vanillezucker und Wasser | Mandeln und Nüsse | Masse | das Gebäck
ORT ::= auf ein Backblech | in einem Topf | auf dem Teig | im Backofen
INSTRUMENT ::= | (mit Backpapier) mit Marmelade
ZIEL ::= für den Knetteig | für den Belag | in Dreiecke
ZEIT ::= ca. 30 Minuten | (am besten noch lauwarm)
TEMPERATUR ::= bei 180 Grad
HANDLUNG ::= verarbeiten | ausrollen | legen | bestreichen | zergehen lassen | aufkochen | unterrühren | verteilen | glattstreichen | backen lassen | zerschneiden

Anmerkungen:

 

Textsemantik

Die Ableitung eines korrekten Rezepts aus den textsyntaktischen Regeln könnte als prozedurale Textsemantik bezeichnet werden.

Eine operationale Textsemantik (eine Variante der prozeduralen Semantik) könnte, sozusagen als Eingabe für einen Backroboter bei Mutti Lotti Nußgebäck GmbH, spezifizieren, exakt wie das Gebäck maschinell hergestellt wird, oder wie Mutti Lotti dem Guiodochen beibringt, die Nußecken zu backen.

Für linguistische Zwecke ist eine denotationale Semantik ebenso wichtig:

Diese bildet die Textteile auf Objekte, Mengen, Relationen, Zustände, sowie Ereignisse, Vorgänge, Handlungen und zielorientierte Folgen von diesen ab.gif

 

Textpragmatik

Die Relation des Texts zu sprachkundigen Textnutzern ist vielfältig, in diversen Funktionen als:

 

Die Semantik-Pragmatik-Schnittstelle

An vielen Stellen ist Semantik von Pragmatik nicht leicht abzugrenzen, z.B. wenn es darum geht, den Sinn und die Bedeutung eines Worts wie ich zu definieren:

`die aktuell sprechende/schreibende Person'

Sinn und Bedeutung sind Teile der Semantik; andererseits nimmt die Charakterisierung des Sinns Bezug auf die Zeichenverwender, gehören also der Pragmatik an.

Bereiche, in denen interessante Diskussionen in der Linguistik über diese Schnittstelle zwischen Semantik und Pragmatik erfolgen, umfassen folgende:

 

Deixis und Partnermodelle

Die deiktischen Ausdrücke sind die, deren Sinn anhand von Relationen zwischen Elementen der Sprechsituation definiert wird.

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Deiktische Ausdrücke heißen oft indexikalische Ausdrücke.

Viele Linguisten und Logiker meinen, daß die Semantik aller Wörter einen situationsspezifischen indexikalischen Aspekt hat.

 

Aussagen, Wertungen, Handlungen

Die Satzfunktionen von einfachen und komplexen Sätzen sind nur in Text- und Diskurskontextenzu definieren; die interne Struktur (z.B. Interrogativform, Imperativform usw.) sind nur unvollständige Hinweise auf die Funktion.

Diese Funktionen sind, wie bereits eingeführt,

Weitere Beispiele:

Anregung zur Diskussion:

Analysieren Sie einige Leitartikel verschiedener Zeitungen zum selben Thema danach, wieviel jeweils aus

  1. Tatsachenbehauptung,

  2. Wertung,

  3. Handlung (z.B. Aufforderung)

besteht.

 

Sprechakte (und Schreibakte)

Der Sprachphilosoph J.L. Austin, Doyen der Oxford Philosophy bzw. der Ordinary Language Philosophy, unterschied -- neben wertenden Ausdrücken -- zunächst zwischen konstativen (d.h. wahrheitsfunktionalen) und performativen (d.h. handelnden) Sprechakten.

Später revidierte er seine Einteilung und stellte fest (was auch von seinem Schüler John Searle in seiner Sprechakttheorie übernommen und weiterentwickelt wurde), daß im Grunde genommen alle Sprechakte beide Eigenschaften haben, und daß man sie als drei Arten von gleichzeitig gültigen Funktionen von Sprechakten betrachten kann.

 

Die drei Sprechakttypen

  1. lokutiver Akt (engl. locutionary act),

  2. illokutiver Akt (engl. illocutionary act),

  3. perlokutiver Akt (engl. perlocutionary act).

Es lohnt sich, Austin's Beschreibung auf Englisch zu lesen.gif

Seine kurze Zusammenfassung (S. 108) [Meine Numerierung. DG]:

  1. We first distinguished a group of things we do in saying something, which together we summed up by saying we perform a locutionary act, which is roughly equivalent to uttering a certain sentence with a certain sense and reference, which again is roughly equivalent to `meaning' in the traditional sense.

  2. Second, we said that we also perform illocutionary acts such as informing, ordering, warning, undertaking, &c., i.e. utterances which have a certain (conventional) force.

  3. Thirdly, we may also perform perlocutionary acts: what we bring about or achieve by saying something, such as convincing, persuading, deterring, and even, say, surprising or misleading.

 

Beispiele für die drei Sprechakttypen

Beispiele (S. 101f.), mit metasprachlichen Beschreibungen einer Äußerung in indirekter Rede:

E.1
Act (A)
or Locution
He said to me `Shoot her!' meaning by `shoot' shoot and referring by `her' to her.
Act (B)
or Illocution
He urged (or advised, ordered, &c.) me to shoot her.
Act (C.a)
or Perlocution
He persuaded me to shoot her.
Act (C.b)
He got me to (or made me, &c.) shoot her.

E.2
Act (A)
or Locution
He said to me, `You can't do that'.
Act (B)
or Illocution
He protested against my doing it.
Act (C.a)
or Perlocution
He pulled me up, checked me.
Act (C.b)
He stopped me, he brought me to my senses, &c.
He annoyed me.

Die Fälle C.a, C.b unterscheiden sich darin, daß die Beschreibungen C.a sich explizit auf den perlokutiven Akt beziehen, also metasprachliche Beschreibungen sind, die Beschreibungen in C.b aber nicht, und folglich keine metasprachlichen Beschreibungen sind.

Wichtig:

In den Beispielen geht es um Äußerungen der Sätze Shoot her! bzw. You can't do that., und um metasprachliche Beschreibungen der lokutiven, illokutiven und perlokutiven Anteile in den Funktionen der Sätze in diesen Äußerungen.

Die metasprachlichen Beschreibungen in den Beispielen sollen nicht selbst als solche Äußerungen mißverstanden werden -- wie leider in der Literatur schon mal geschehen ist.

 

Die Praxis: Indirekte Sprechakte

Austin unterscheidet zwischen expliziten und nicht expliziten Sprechakten, und zwischen direkten und indirekten Sprachakten.

 

Diskursbedeutung

Auf der Diskursebene sind Semantik und Pragmatik in ihren jeweils engeren Sinnen eng miteinander verbunden.

Die Diskurssyntax unterscheidet sich grundlegend sowohl von Textsyntax als auch von Satzsyntax und Wortsyntax dadurch, daß zwei grundsätzlich autonome Zeichenproduzenten und -rezipienten miteinander agieren, die über mehr oder weniger unterschiedliche Wortschätze und unterschiedliche Grammatiken verfügen.

 

Diskurssyntax

Die einfachste Diskurssyntax, etwa bei einer Frage-Antwort-Sequenz, ist im Diagramm dargestellt. Diese Syntax stellt nur einen Aspekt eines vielfältigen Systems von Interaktionskriterien fest, die Sprechaktsequenzierung; es gibt aber eine große Palette an Steuerungsmechanismen zur Ablösung von Gesprächsbeiträgen, die insgesamt zur Diskurssyntax gehören.gif

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Dieses Schema muß getrennt auf die beiden (oder mehr) Gesprächspartner bezogen und synchronisiert werden; es läuft nicht `automatisch' ab, z.B. wenn unvollständige Informationen, Mißverständnisse, Unkooperativität vorliegen.

Diskurssyntax wird häufig mit Begriffen wie `Ablaufschema' usw. dargestellt.

 

Interaktion: Konversationsmaximen

Der Sprachphilosoph Grice, auch der Oxforder Gruppe zugehörig, hat 1975 das kooperative Prinzip (Cooperative Principle) und eine Reihe von darauf basierenden Konversationsmaximen (Conversational Maxims) für kooperative Konversation festgestellt:

Maxims of quantity:

  1. Make your contribution as informative as required.

  2. Do not make your contribution more informative than is required.

Maxims of quality:

  1. Do not say what your believe to be false.

  2. Do not say that for which you lack adequate evidence.

Maxim of relation:

  1. Be relevant.

Maxims of manner:

  1. Avoid obscurity of expression.

  2. Avoid ambiguity.

  3. Be brief.

  4. Be orderly.

Es gibt natürlich auch nichtkooperative Konversation; diese ist eher an Verletzungen der Maximen der kooperativen Konversation definiert wird, die als Grundform aufgestellt wird.

Verletzungen der Maximen, also Abweichungen vom Idealtyp der kooperativen Konversation, können also auch sein:

Lüge, Langatmigkeit, Irrelevanz, Unverständlichkeit, Wortkargheit.

Aber Vorsicht: Je nach Situation können sie unter Umständen auch kooperativ sein.

Ein großes Problem beim Grice'schen Ansatz ist, daß es kaum allgemeingültige Kriterien für Kooperation gibt.


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© Dafydd Gibbon Thu Jun 25 08:00:45 MET DST 1998