Next: Semantik -- Bedeutungslehre
Up: Grundkurs: Vorlesung
Previous: Satzsyntax: Einfache Sätze (leicht
Die Anzahl komplexer Sätze ist prinzipiell unendlich.
Beschränkungen ergeben sich lediglich aus den praktischen Zusammenhängen
des menschlichen Handelns im Besonderen und der Endlichkeit des Daseins
im Allgemeinen.
Komplexe Sätze werden mit den bereits eingeführten rekursiven Regeln
definiert.
Rekursion, d.h. die Wiederholung einer Struktur als Teil von sich selbst,
ist aus der Computerkunst und der Mathematik recht bekannt, z.B. in der
Form von
fraktalen Strukturen, zu denen die Figur der
Mandelbrotmenge
, die oft in
fraktalen Bildern zu sehen sind:
(found at
this site).
For more examples, search with AltaVista.
Fraktale werden manchmal als Modelle für die Beschreibung von Strukturen
in der Natur genommen:
- Ein Schneekristall hat die Form einer seiner Zweige, usw.
- Ein Tannenbaum hat dieselbe Form wie einer seiner Äste. Die Äste haben die Form der von ihnen abgehenden Zweige. Die Zweige haben die Form der Nadelreihen.
- Bei Lebewesen geht dies -- sehr vereinfachend gesehen -- über die Reproduktion durch die Generationen weiter:
- Ein junger Zweig an einem Tannenbaum entspringt einer Nadelreihe und hat deren Form, usw. ...
- Ein Embryo ist Teil seiner Mutter und ist wie sie gebaut, usw. ...
Eine Struktur, die den selbstwiederholdenen Charakter der Fraktale hat,
ist im Baumdiagramm für den Satz
This is the dog that chased the cat that killed the rat that lived in the house that Jack built.
dargestellt:
In der Linguistik werden zwei Arten der Rekursion als zentral angesehen,
von denen beide für die Beschreibung von komplexen Sätzen in Frage
kommen:
- Iteration:
- Es ist wirklich sehr sehr sehr gut.
- Nein, nein, nein, nein und nochmals nein!
- Es läuft und läuft und läuft.
- Einbettung:
- Der Mann mit dem Hut mit der Feder auf der linken Seite kam ins Bild.
- Der Mann, der den Hut, der auf der linken Seite eine Feder hat, trägt, kam ins Bild.
- Dieses Buch gehört
Claudia Erhard
Luftgasse 14
Meerstadt
Deutschland
Europa
Welt
Sonnensystem
Galaxie
Universum
(und weiter weiß ich nicht).
Eine rekursive Satzdefinition hat im wesentlichen drei Teildefinitionen:
- Grundbedingung: Definition der einfachen Einheiten.
- Rekursionsbedingung: Definition zusammengesetzter Einheiten.
- Ausschlußbedingung: Ausschluß nichtdefinierter Einheiten.
Die ersten beiden Bedingungen definieren alle Sätze einer Sprache,
die letzte Bedingung stellt klar, daß nur die Sätze der Sprache
definiert werden.
Ein einfaches Beispiel wurde bereits angeführt:
- `Jack screams' ist ein Satz,
`Jill shouts' ist ein Satz.
- Ein Satz verkettet mit `and', verkettet mit einem weiteren Satz ist ein Satz. Konsequenz: auch dieser Satz kann nochmal mit `and' sowie bereits definierten Sätzen verkettet werden, usw.
- Sonst ist nichts ein Satz.
In Phrasenstrukturregeln (konventionellerweise wird die Ausschlußbedingung nicht mitgeschrieben):
-
- S
Jack screams.
S
Jill shouts.
-
- S
S and S.
Diese Formulierung erfaßt nicht die Details der einzelnen Bestandteile,
aber mit ihr können doch schon unendlich viele -- wenn auch langweilige --
Regeln definiert werden.
Diese können am Beispiel des komplexeren Satzes illustriert werden,
in dem keine Koordination sondern Subordination als rekursiver Mechanismus
vorkommt:
this is the dog that chased the cat that killed the rat that lived in the house that Jack built.
-
- S
NP VP
-
- NP
PN
-
- NP
DET N
-
- NP
DET N RelS
-
- RelS
that S
-
- VP
V
-
- VP
V NP
-
- VP
V PP
-
- PP
P NP
-
- PN
this, Jack
-
- N
dog, cat, rat, house
-
- DET
the
-
- P
in
-
- V
is, chased, killed, lived, built
Zur Diskussion:
- Welche ist die rekursive Regel?
- Welche andere Arten der rekursion könnten noch hinzugefügt werden?
- Werden durch diese Grammatik wirklich nur akzeptable englische Sätze definiert? Wie kann dieses Problem behandelt werden?
Koordination kann im Prinzip als Iteration angesehen werden, wobei
die Bedingung der Kategoriengleichheit eingehalten werden muß:
- Koordinierte Wörter:
John and Mary and Bill; John, Mary and Bill; red, white, blue and yellow; ...
- Koordinierte Phrasen:
She was carrying a teacup, a leather-bound book, a blue candle, and a walkman.
- Koordinierte Sätze:
John saw Mary, Mary saw Bill and Bill saw Susan.
John saw Mary, Mary saw Bill, but Bill saw Susan.
- Subordinierte Sätze, Nebensätze:
Der Baum fiel, bevor der Sturm vorbei war.
Als er hochschaute, sah er, wie der Baum fiel.
Er sagte, daß er sich riesig erschrocken hatte.
- Tempuslose Nebensätze:
Er entschied sich, zu gehen.
- Relativsätze:
Der Baum, den Hannah gepflanzt hatte, wächst prächtig.
- Relative Präpositionalphrasen:
Der Baum mit dem Amselnest wurde von Hannah gepflanzt.
- Methoden:
- Vergleich von Sätzen oder Satzteilen im Hinblick auf semantische, lautliche (prosodische), strukturelle Ähnlichkeiten;
- Zerlegung von Sätzen und Klassifikation ihrer Teile im Hinblick auf Vorkommensbeschränkungen;
- Feststellung der Eigenschaft `grammatisch' anhand von Urteilen von Muttersprachlern über grammatische Akzeptabilität.
- Feststellung der Eigenschaft `mehrdeutig' anhand von Urteilen von Muttersprachlern.
- Gegenstände:
- Sätze und die Hierarchie ihrer Bestandteile, insbesondere Wörter; Kompositionalität -- Um die Satzbedeutung (oder Aussprache) zu erschließen, sind folgende Informationen notwendig:
- Bedeutung (bzw. Aussprache) der kleinsten Satzteile (Wörter),
- Bedeutung (bzw. Einfluß auf die Aussprache) der syntagmatischen Relationen, die satzsyntagmen bilden,
- Allgemeine Interpretationsregel für die Zusammensetzung der Bedeutungen (bzw. Aussprachen) von Teilen im syntagmatischen Kontext zu einer Gesamtbedeutung.
- Distributionseigenschaften von Wörtern (flektierten Wortformen), d.h. St
ämmen und ihrer Flexionsaffixe) im Hinblick auf
- morphologische Kongruenz: (Flexionseigenschaften)
- syntaktische Valenz: (z.B. transitiv/intransitiv)
- semantische Selektion: (vgl. Farblose grüne Ideen schlafen l
ebendig)
- anaphorische Referenz: (vgl. Als er hereinkam, sah Jim das Er
gebnis)
- idiomatische Kollokation (vgl. Du kannst mir den Buckel 'runterrutschen / Du kannst mir den Rücken 'raufgleiten
- Modelle/Theorien:
- Wortsequenzen (Ketten)
- Hierarchische Baumgraphen für ineinander enthaltene Ketten
- rekursive Definition des Satzes
- abstrakte Automaten
- Grammatiken für formale Sprachen
- Attribut-Wert-Logiken
Next: Semantik -- Bedeutungslehre
Up: Grundkurs: Vorlesung
Previous: Satzsyntax: Einfache Sätze (leicht
© Dafydd Gibbon
Thu Jun 25 08:00:45 MET DST 1998