Im Kommunikationsalltag wird eine andere Art der Generalisierung verwendet, als die, die bereits eingeführt wurde: die Standardannahme. Beispiel:
A: Hat Dietmar seine Maultrommel mit?B: Ja klar, er hat sie doch immer mit!
Aus "Dietmar bringt seine Maultrommel immer mit" kann man "Dietmar hat seine Maultrommel mit" schließen.
Aber die allgemeine Aussage hat nicht den Evidenzwert eines physikalischen Gesetzes: Menschen können
So auch in diesem Fall: Und in der Tat, Dietmar hatte seine Maultrommel diesmal doch nicht mit...
Solche Standardannahmen, Defaults, werden in der Umgangssprache oft mit Diskurspartikeln und Adverbien wie typischerweise, normalerweise, klar, sicher, ja, doch, wohl, vermutlich, wahrscheinlich, meistens immer, meistens, immer, ausgesrückt.
Wichtig dabei ist, dass Standardannahmen kein sicheres Schließen erlauben: ein Schluss, der aus einer Standardannahme gezogen wird, kann grundsätzlich durch eine spezifischere faktische Bedingung überschrieben werden.
Der Begriff der Standardannahme kann mit dem Begriff des Typischen bzw. des Prorotypischen verallgemeinert werden. Zum Beispiel könnte die Amsel vielleicht als "typischer Vogel", d.h. mit den Merkmalen, die typischerweise einem Vogel zugeschrieben werden, angesehen werden. Oder ein Hund als Prototyp des Haustiers, eine Kirche mit Turm als Prototyp einer Kirche, ein Dorf mit Kneipe als Prototyp eines Dorfes, ein Architektenmodell als Prototyp eines Gebäudes, Claudia Schiffer als Prototyp einer Frau, die gerne mit teuren Sachen ausgestattet ist, Dieter Bohlen als Prototyp eines Liedfabrikanten, usw.
Diese andere, auf der Vorstellung des Typischen beruhende Generalisierung wird in modernen Default-Vererbungs-Lexika genutzt. Eine weit verbreitete ``typische'' Repräsentationssprache, DATR, wird seit vielen Jahren auch in Lexikon-Projekten, Lehrveranstaltungen, Semester- und Abschlussarbeiten an der Universität Bielefeld eingesetzt. Diese Sprache, über die im WWW leicht weitere Details zu erfahren sind, soll hier allerdings nicht eingeführt werden.
Folgendes kleines voll spezifiziertes AWS-Lexikon soll Grundlage eines Default-Lexikons sein:
{
,
,
}
Die Generalisierungsoperation ergibt die AWS:
Aufgrund von Standardannahmen über den prototypischen Hund könnte man aber weitere Generalisierungen machen, die im Ausnahmefall überschrieben werden. Folgende weitere Eigenschaften könnten dazu gehören:
Wohlgemerkt: Es gibt keine allgemeingültigen Kriterien für die Wahl von prototypischen Merkmalen: Es handelt sich um Prferenzen, statistisch ermittelt werden können, oder aufgrund von gruppen- oder individuenspezifischen Konventionen entstehen können.
Der so ermittelte Prototyp würde dann so aussehen:
Im Beispielfall würden also folgende Überlegungen relevant werden:
Die Knoten im Default-Vererbungsbaum würden dann so aussehen:
{
,
,
,
}
Es gibt verschiedene Ansätze in der Lexikontheorie, um Defaults einzusetzen. Der hier skizzierte Ansatz verwendet eine Überschreibungsoperation als Default-Unifikationsoperation, die niemals fehlschlagen kann. Während die Unifikationsoperation selbst an widersprüchlichen Attributwerten scheitert, gelingt die Default-Unifikation, weil ein Wert immer gewinnt, nämlich der Wert, der an der spezifischeren (niedrigeren) Stelle im Default-Vererbungsbaum zugewiesen wird.
Beim Eintrag für Spaniel, den typischen Hund, werden keine weiteren Angaben gemacht, außer der Klassenzugehörigkeit. Bei den anderen, weniger typischen, müssen ihre spezifischen, vom typischen abweichenden, markierten Merkmale angegeben werden:
{
,
,
}
Bei der Default-Vererbung werden die Einträge entsprechend der Überschreibungsbedingung vollständig ausspezifiziert.
{
,
,
,
,
,
,
,
,
,
,
}
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